Tolkien der Weltenbauer oder warum Aragorn keinen Bart hat

Worldbuilding ist das Thema der Stunde. Ob es sich nun um Spielwelten, Film-Universen oder Fantasy-Zyklen handelt, früher oder später gibt es zu allem Karten, erfundene Sprachen, Zeittafeln und Enzyklopädien. Und wenn man nachfragt, erhält man meist die Antwort, dass dies alles auf J.R.R. Tolkien, den »Altmeister« des Weltenbauens, zurückzuführen sei.

Pünktlich zum Erscheinen der bislang unveröffentlichten Texte von J.R.R. Tolkien geht der Übersetzer von »Natur und Wesen von Mittelerde«, Helmut W. Pesch, diesem, für die Fantasyliteratur sehr bedeutenden, Phänomen auf den Grund.

 

Was ist das für ein seltsamer Drang, der einen dazu treibt, einen Ort, den es nicht gibt, erschöpfend zu erforschen? Warum ist uns die innere Stimmigkeit einer erzählerischen Welt so wichtig? Vor allem, wenn die ganzen Details in der eigentlichen Geschichte im Grunde nicht wirklich eine Rolle spielen. Ist das nicht alles ein bisschen – abwegig?

Tolkien war da offensichtlich anderer Meinung, und er scheint damit etwas angestoßen zu haben, was viele Menschen in ihrem Inneren bewegt. Dabei fing alles ganz einfach an. Die erste Fassung seines Legendariums, das »Buch der Verschollenen Geschichten«, entstand aus dem Wunsch, seinem Land, England, etwas von dessen verlorener Mythologie wiederzugeben. Dabei fabulierte er frei drauflos, zum Teil angelehnt an griechische, finnische oder keltische Sagen, zum Teil aber auch mit ausgesprochen originellen Ideen wie dem »Gesang der Ainur«, in dem die ganze Weltgeschichte in einem großen Lied vorweggenommen wird. Zugleich erfand er, gewappnet mit der Fachkenntnis eines Professors für historische Sprachwissenschaft, für seine Figuren eigene Sprachen, und da jede Sprache eine Zeit und einen Raum braucht, um sich zu entfalten, entstand daraus eine Welt und eine Historie. Beides war untrennbar miteinander verbunden: Die Geschichte der Elbensprachen, ihrer Laut- und Bedeutungsverschiebungen ist zugleich die dramatische Geschichte der Erfahrungen und Entwicklungen ihrer Sprecher.

Danach rang Tolkien viele Jahre lang um die richtige Form, diese Konzepte zu unserer realen Welt in Beziehung zu setzen. Er schrieb lange epische Balladen, Chroniken und unterschiedliche Textfassungen, sogar auf Altenglisch, eine Zeitreise-Geschichte und die Protokolle eines fiktiven Clubs, in dem man sich in Träumen an das alte Númenor erinnert. Nichts von dem brachte er wirklich zu Ende. Der Knoten platzte erst mit »Der Hobbit«, einer Geschichte für seine Kinder, die fast ungewollt Teil seines Legendariums wurde: das Schwert aus Gondolin im Schatz der Trolle, Elrond der Halbelbe, der »Arkenstein« – ein Wort, das er auch in anderer Form für die Silmaril, die heiligen Juwelen seiner Mythologie, verwendet hatte. Danach machte er sich auf Drängen seines Verlegers und aus dem eigenen Wunsch heraus, sich an einer Geschichte zu versuchen, die auch erwachsene Leser fesseln würde, daran, eine Fortsetzung zu schreiben. Mit Pausen sollte er dreizehn Jahre daran arbeiten, und ohne die Motivation aus seinem Freundeskreis, den »Inklings«, wäre auch dieses Werk vielleicht nie vollendet worden. Die Rede ist natürlich von »Der Herr der Ringe«.

Und was dann? Als der letzte Band erschien, war Tolkien bereits ein älterer Herr. Seine wissenschaftliche Lauf bahn hatte er hinter sich. Aber er hatte immer noch die Hoffnung und das Ziel, sein »Silmarillion« zu veröffentlichen, das Werk, an dem sein ganzes Herz hing. Doch zuvor galt es noch ein paar Unstimmigkeiten zu klären.

Und hier beginnt die Geschichte eine eigene Tragik zu gewinnen. Denn Tolkien traf ein paar grundsätzliche Entscheidungen, die weitreichende Auswirkungen auf das ganze historische und mythologische System haben sollten, das er sich in seinen frühen Jahren zurechtgelegt hatte.

Da waren zunächst die Elben. In »Der Herr der Ringe« wurden sie als unsterblich dargestellt, und in den »Silmarillion«-Texten ist ausgeführt, dass sie an diese Welt gebunden seien und so lange wie diese andauern würden. Damit hätte Tolkien es bewenden lassen können. Aber das war ihm nicht genug. Denn auch Elben – abgesehen von den ersten Elben, die am See von Cuiviénen erwachten – werden geboren und müssen heranwachsen. Und überhaupt: Wie wurden aus jenen ersten 144 die ganzen Elbenvölker, die in den Geschichten eine Rolle spielen. Reichte die Zeit überhaupt dafür aus?

 

So begann Tolkien zu rechnen. Das Verblüffendste an jenen späten Schriften, die in »Natur und Wesen von Mittelerde« gesammelt sind, sind die umfangreichen Tabellen, mit denen er eine plausible Bevölkerungsentwicklung zu belegen versuchte: Zahlenkolonnen (und das ganz ohne Taschenrechner), in denen die Abfolge der Generationen, die Zahl der möglichen Ehen und die Anzahl der Kinder aufgelistet sind. Dabei kam er recht bald zu dem Schluss, dass die großen Wanderungen der Elben sehr viel länger gedauert haben mussten, als er zunächst veranschlagt hatte, selbst wenn die Elben in jenen frühen Jahren sehr viel erpichter auf die Zeugung von Nachwuchs gewesen waren als in späteren Zeiten. So wurde ihm klar, dass allein der Chronologie wegen die Entwicklung eines Elben oder einer Elbin bis zur Reife schneller vonstatten gehen musste als in ihrem weiteren Leben, also etwa im Verhältnis 1:20 gegenüber den Menschen und später 1:100 oder 1:144. Und in den Unsterblichen Landen des Westens änderten sich die Gesetzmäßigkeiten erneut; denn unter den Kuppeln Vardas galt eine andere Zeit.

Irgendwann hatte er dann ein Schema und einen Zeitplan, der zwar biologisch unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich war. Nur zwei oder drei Figuren passten nicht ins Bild. So war es zum Beispiel nicht möglich, dass ein Elb, der im Ersten Zeitalter in Mittelerde geboren war, dort auch heiratete und Kinder bekam; die Zeitspanne reichte einfach nicht aus. Und so begann er erneut zu rechnen.

Und was sollte mit den Elben geschehen, wenn sie einmal ein auch für elbische Verhältnisse hohes Alter erreicht hatten, selbst wenn dies in menschlichen Begriffen nach Jahrtausenden zählte? Auch hier hätte sich Tolkien die Sache einfach machen können, weil dies für die Zeiträume seiner Geschichten kaum eine Rolle spielte. Aber das war nicht seine Art. So kam er auf den Gedanken, dass am Ende der Geist den Körper einfach »verzehrte«, sodass Letzterer nur eine Erinnerung blieb. Und das ist auch der Grund, weshalb die Elben heute unsichtbar sind. Wieder ein Problem gelöst.

Oder auch nicht. Vermutlich ist Tolkien der einzige Fantasy-Autor, zu dem es ein wissenschaftliches Buch über den Einfluss des heiligen Thomas von Aquin auf sein Werk gibt. Als frommer Katholik, der als Mündel eines katholischen Priesters aufgewachsen war und zeit seines Lebens einen regen Austausch mit Priestern und Ordensleuten pflegte, war das Verhältnis von Geist und Körper für Tolkien keine akademische Frage. Zwar ist er überaus vorsichtig darin, christliche Begriffe im Rahmen seiner Schöpfung zu verwenden. Doch ist es keine leere Phrase, wenn er davon spricht, dass »Der Herr der Ringe« ein »fundamental« katholisches Werk sei. Er spricht nicht von »Seele« und »Leib«, sondern benutzt die elbischen Begriffe fea und hroa, die sich mit »Geist« und »Körper« nur unvollständig wiedergeben lassen (auch ein Problem für die Übersetzer). Nur die Valar, die Hüter der Welt, sind Wesen aus reinem Geist, die äußere Gestalt wie ein Gewand anlegen können – bis auf Melkor/Morgoth, der sich zu sehr in die Welt verstrickt hat, um seine Gestalt noch ablegen zu können. Und wieder hatte er eine Erklärung gefunden.

 

Diese Grundsatzentscheidung zog allerdings gleichfalls einen Rattenschwanz von Folgerungen nach sich. Was passiert mit den »unbehausten« fear, wenn ihr Körper durch Gewalt zugrunde geht? Können Elben wiedergeboren werden, und wenn ja, wie? Zu diesem Thema gibt es einen eigenen Dialog zwischen Eru Ilúvatar und Manwe, dem König der Valar, der sich fragt, ob er die Befugnis hat, derart in das Leben der »Kinder Ilúvatars« einzugreifen. Und was ist mit den anderen Funktionen des Geistes, etwa dem Verstand, auf elbisch samar, »Denker«, genannt? Gibt es die Möglichkeit, von Geist zu Geist zu kommunizieren, und wo liegen da die Grenzen?

 

Dies alles sind Themen, die für die Geschichten selbst nicht unmittelbar relevant sind, aber Tolkien keine Ruhe ließen, bis er eine befriedigende Lösung gefunden hatte. Darüber hinaus beschäftigten ihn auch die kleinsten Details. So hatte er festgestellt, dass sich etwa die Namen der Flüsse im Reich Gondor nicht aus den Elbensprachen erklären ließen, und dafür musste es einen Grund geben. Und es gab noch so viel, über das man berichten könnte, über die Zwerge und die Druedain und die Tiere und Pflanzen von Númenor. Gerade das Zweite Zeitalter von Mittelerde begann ihn immer stärker zu beschäftigen, auch weil er hier die Dinge aus der Sicht der Menschen und nicht der Elben schildern konnte. Hier gibt es noch manche Details zu entdecken, die bislang nicht den Weg in die veröffentlichten Schriften fanden und die Grundlage für die Geschehnisse in »Der Herr der Ringe« bilden. Jedes Mal, wenn er einen scheinbaren Widerspruch fand – wie die Kaninchen von Mittelerde, die es im historischen Mittelalter in Westeuropa nicht gab –, empfand er das als eine Herausforderung, eine Erklärung zu finden. Und er fand sie auch in diesem Fall – in Númenor.

Auch die Frage nach Aragorns Bart war durchaus etwas, dem Tolkien sich widmete. Er beantwortete sie nicht nur, sondern lieferte auch den Grund dafür mit. Denn – Vorsicht: SPOILER! – da Elben keinen Bartwuchs hatten, galt dies auch für alle, in denen das Erbe der númenórischen Könige und damit des elbischen Blutes rein war. Er brauchte sich also in der Wildnis nicht einmal zu rasieren.

Vom Banalen zum Kosmologischen: Auch die Entscheidung, dass Sonne und Mond nicht erst aus den letzten Früchten der Zwei Bäume von Aman geschaffen worden waren, sondern zeitgleich mit Arda, der Welt, rief mehr Probleme hervor, als sie löste. Das mythologische Bild der »Verschollenen Geschichten« und des »Silmarillion« ließ sich einfach nicht mit den physikalischen Gesetzen der realen Welt in Einklang bringen. Das Gleiche galt für das ursprüngliche Konzept, dass die Welt Arda eines Tages in einer großen Endschlacht, enden würde, worauf Eru eine neue Erde erschaffen würde. Theologisch macht das alles Sinn. Wie ließe sich das aber damit vereinbaren, dass die Geschichte der Ersten bis Dritten Zeitalter von Mittelerde »unsere« Welt in einer imaginären Vergangenheit darstellte? Auch hier hätte sich Tolkien die Sache einfach machen können, indem er dies einfach dem Wandel der Welt nach dem Untergang von Númenor zugeschrieben hätte. Aber Tolkien war kein Mann für einfache Lösungen.

Fantasy wird vielfach mit einem Spiel verglichen, und Tolkien spielte es mit hohem Einsatz und vollem Risiko, als ginge es um sein Leben. Am Ende waren die Probleme, denen er sich stellte, nicht wirklich zu lösen, weil sich selbst eine imaginäre Welt nicht bis ihren letzten Winkel erforschen lässt. Aber wie er dabei vorgegangen ist, worüber er sich Gedanken gemacht hat und zu welchen Erkenntnissen er gekommen ist, das zu verfolgen ist eine fantastische Entdeckungsreise in immer neue Winkel von Tolkiens Welt.

 

von Helmut W. Pesch

 

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