Interview mit Oliver Plaschka zu »Der Wächter der Winde«

1. Kannst du uns etwas über deine Vorbilder der Fantasyliteratur sagen?

Der wichtigste zeitgenössische Fantasyautor ist für mich Peter S. Beagle. Seine Charaktere wirken immer lebensecht, seine Sprache ist unbeschwert, poetisch, fast wie Musik. Neil Gaiman schätze ich für seine Ideenwelten und Matt Ruff für seine Menschlichkeit und seinen Witz. Darüber hinaus möchte ich Mervyn Peake, Lord Dunsany und den fast vergessenen James Branch Cabell nennen – die großen Stilisten des zwanzigsten Jahrhunderts.

2. Welche Literatur außerhalb der Fantasy schätzt du besonders?

Alle fantastischen Genres liegen mir am Herzen, von daher möchte ich Alice B. Sheldon unter all ihren Pseudonymen nicht ungenannt lassen. Sie hat die Science Fiction revolutioniert und gehört für mich zu den unerreicht Vorbildern.
Prinzipiell kann mich alles begeistern, was eine beeindruckende Sprache oder einen cleveren Aufbau hat – oder irgendeine Antwort darauf, was für einen Reim wir uns auf unser Leben machen. Während meines Studiums habe ich zum Beispiel Max Frisch verschlungen, aber auch so unterschiedliche Autoren wie Ernest Hemingway oder William Faulkner haben mich beeindruckt.

3. Viele Autoren sagen, dass sie schon sehr früh mit dem Schreiben von Geschichten angefangen haben. Wie war das bei dir? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das Auslöser dafür war? Wie kamst du zum Schreiben? War das Autorentum vielleicht sogar ein lang ersehnter Herzenswunsch?

Der ersten Aussage kann ich mich anschließen, auf alles andere habe ich keine Antwort. Es gab kein Schlüsselerlebnis, und ich habe nicht konsequent aufs “Autorentum” hingearbeitet. Ich habe einfach immer Geschichten geschrieben, weil es mir Spaß machte und es mir wichtig war: als Kind von Hand in Hefte, als Jungendlicher an meinem ersten Computer. Ich hatte aber lange kein Ziel vor Augen. Dass ich schließlich Menschen fand, die mir halfen, meine Energien in die richtige Richtung zu lenken und meine Texte zu veröffentlichen – was beim Licht hinter den Wolken immerhin gut zwanzig Jahre dauerte – war ein großes Glück.

4. Wie sieht ein gewöhnlicher Tagesablauf bei dir aus? Hast du feste Schreibzeiten?

Ein geregelter Tagesablauf wird mit den Jahren immer wichtiger, aber diese Regeln können durchaus flexibel sein. Ich habe schon morgens, abends und nachts geschrieben, je nachdem, wie mein Leben gerade aussah. Ich strukturiere meinen Tag wenn möglich auch nicht nach Uhrzeiten, sondern nach Arbeitsfortschritt: ich nehme mir also zum Beispiel eine feste Seitenzahl pro Tag vor, oder ein Kapitel alle zwei Tage. Manchmal bin ich Mittags um 12 fertig, manchmal abends um 10. Wichtig ist die Disziplin, wenig Ablenkung … und guter Kaffee.

5. Woher kam die Idee für »Der Wächter der Winde«?

Ich habe als Schauspieler bei einer Theaterproduktion des Tempest mitgewirkt. Im Zuge dessen hat sich jeder von uns über Wochen und Monate intensiv mit den Charakteren und ihren möglichen Deutungen befasst: Wir haben Rollen zusammengelegt, ihr Geschlecht geändert, Dialogzeilen getauscht, bis die Aspekte des Stücks, die uns wichtig waren, im Vordergrund standen. Irgendwann fragte ich mich, ob die Geschichte auch als moderne Fantasy funktionieren würde … und so kam es zur Welt unter dem Winde und ihren Bewohnern.

6. Wie lange hast du insgesamt an »Der Wächter der Winde« gearbeitet?

Besagte Theaterproduktion, bei der mir die Idee kam, liegt nun drei Jahre zurück. In dieser Zeit ist viel passiert in meinem Leben, sodass ich langsamer arbeiten musste als sonst. Begleitet hat Der Wächter der Winde aber permanent – und von der Leseprobe bis zur Fahnenkorrektur gab es immer etwas zu tun.
Allgemein ließe sich sagen, dass in jedem meiner Romane mindestens ein Jahr reine Schreibarbeit steckt, häufig mehr. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass keiner meiner sechs Romane wirtschaftlich für mich war – leider die Normalität als Autor.

7. Wo lagen für dich die Schwierigkeiten und wie hast du sie gelöst?

Ich hatte beim Wächter der Winde den großen Vorteil, auf einer fertigen Plotstruktur aufzubauen. Dennoch mussten – genau wie im Theater – manche Szenen umgestellt werden, und es entsprechen auch nicht alle Charaktere 1:1 denen bei Shakespeare. Das Hauptproblem war, dass sich die Aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung nicht auf einen Roman übertragen ließen. Selbst nachdem ich den Handlungszeitraum von drei Stunden auf drei Tage gestreckt und den Figuren Rückblenden und Hintergründe gegeben hatte, war ihr Sinnenswandel noch atemberaubend: aus Feinden werden Verbündete, aus Fremden Geliebte. Ein paar Verrücktheiten sind aber in Ordnung – manchmal ist es besser, Figuren einfach handeln zu lassen, statt alles totzuerklären.
Das andere große Problem war der Umgang mit magischen Elementen. Zeitgenössische Fantasy akzeptiert oft die Existenz des Übernatürlichen in all seinen Facetten, so wie ich es auch in den Magiern von Montparnasse getan habe: Magier, Engel, Vampire, alles geht. Ich wollte aber, dass die Welt unter dem Winde etwas Einzigartiges ist, ähnlich wie die fantastischen Elemente im Kristallpalast in Konflikt zum Rest ihrer Welt standen. Da helfen nur eine sorgfältige Konstruktion und Leser, die einem sagen, ob das Ergebnis für sie funktioniert.

8. Waren Charaktere besonders eingängig beim Schreiben? Welche Charaktere gingen dir leicht von der Hand? Welche eher nicht?

Wenn einem eine Figur schwer von der Hand gehen, ist das häufig ein Zeichen, dass mit ihr etwas noch nicht stimmt. Gleichzeitig muss ein Mehr an Mühe nicht unbedingt dazu führen, dass sie danach gelungener wirkt. Ich suche eigentlich immer nach einem Blickwinkel, unter dem ich die Figur verstehen lerne, selbst wenn sie gerade viele Fehler begeht.
Was ich aber sagen kann, ist, dass mir die Kapitel mit Stephanie und Rince großen Spaß machten. Auf die beiden habe ich mich immer gefreut – man merkt beim Lesen hoffentlich, weshalb.

9. Wenn dein Roman morgen einen Filmvertrag bekommen würde: Welche Schauspieler wären deine erste Wahl für deine Hauptfiguren? Und wer würde Regie führen?

Ich arbeite sehr häufig mit visuellen Vorbildern für meine Personenbeschreibungen, die aber nur Typen darstellen. Die einzige Rolle, die im Wächter der Winde wirklich eindeutig gesetzt wäre, wäre John Noble als Ross. Gerade seine Schauspielleistung in Fringe hat mich nachhaltig beeindruckt und fängt genau die Mischung aus Hochmut und Verletzlichkeit ein, die ich in der Prosperofigur sehe.
Für die Regie gäbe es viele denkbare Kandidaten, aber ich wäre gerne Executive Producer.

10. Ähnelst du einem der Charaktere? Aus einem Vorgängerbuch?

Diese Frage müssen andere Menschen beantworten. Natürlich schöpfe ich wie jeder Autor mal mehr, mal weniger aus persönlicher Erfahrung; das halbe Figurenkabinett aus Fairwater hat eine recht ähnliche Jugend hinter sich wie ich. Aber es ist nie meine Absicht, mich selbst oder jemanden, den ich kenne, in meine Bücher zu schreiben. Das finde ich bestenfalls faul, schlimmstenfalls eitel und respektlos gegenüber anderen.

11. Weshalb wählt man gerade fantastische Elemente, um eine Geschichte zu erzählen?

Zunächst einmal sind fantastische Elemente nichts, was man irgendwie rechtfertigen müsste. Sie können eine genussvolle Bereicherung sein – selbst wenn man sie nur andeutet, ohne sie wirklich einzusetzen, so wie ich es in Marco Polo getan habe. Und eine gute fantastische Geschichte lässt sich nicht gleichwertig als sogenannte Gegenwartsliteratur erzählen.
Im Falle des Tempest verlöre man beispielsweise zentrale Aspekte, würde man auf die geheimnisvolle Insel oder auf Ariel und seine Zauberkräfte verzichten: seine vielen kleinen Manipulationen und Tests, seine unsichtbare Stimme und betörende Musik, seine Fähigkeit, anderen in die Seele zu blicken. Ganz zu schweigen von dem Pakt, den er mit seinem Herren schloss, der nicht mehr von den Kräften lassen kann, die er einst rief. Das magische Weltbild der Renaissance und der Romantik, das in Figuren wie Prospero oder Faust noch wirkt, ist essentiell für die Moral dieser Stücke.

12. Was sind deine 3 besten Schreibtipps für angehende Fantasyautoren?

Generell rate ich jungen Schreibenden dazu, viel zu lesen, viel zu schreiben und sich vor allen Dingen Zeit damit zu lassen. Man wird Autor, indem man tut, was Autoren tun – und das klappt nicht über Nacht oder indem man tausend Euro für einen Kurs bezahlt. Ich habe viele hundert Seiten “für die Tonne” geschrieben, ehe was daraus wurde, aber jede dieser Seiten war wichtig.
Sobald man ein gewisses Maß an Sicherheit und Erfahrung gesammelt hat – und erst dann – würde ich dazu raten, mit mehr Konzept an die Sache zu gehen. Plotgerüste, Szenenpläne, diese Dinge. Anfangs bremst das einen eher aus. Aber früher oder später sind die Zeiten, in denen man gemütlich auf den Kuss der Muse warten konnte, vorbei.
Der dritte Rat, den ich insbesondere für die Fantasy geben würde, wäre, sich auf die eigene Vorstellungskraft zu verlassen und nicht unkritisch Ideen oder Geschöpfe der Titanen wie Tolkien zu übernehmen. Ich weiß, das klingt nicht sehr überzeugend von jemandem, der sich gerade bei Shakespeare bedient hat … aber versuchen sollte man es dennoch!

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