»Der Eine Ring« – ein Leserbeitrag von Carsten Schmitt

Wenn es eine Frage gibt, die Schriftstellern am häufigsten gestellt wird, dann ist es sicherlich: »Wo nehmen Sie Ihre Ideen her?« In den seltensten Fällen lässt sich diese Frage befriedigend beantworten. Der kreative Schaffensprozess ist eine Mischung aus äußerlichen Einflüssen aller Art, die zusammen mit Einfällen aus der Fantasie des Autors im kreativen Mixer so lange vermischt und anschließend auf kleiner Flamme geköchelt werden, bis es schwierig ist, eine direkte Beziehung eines wahren Ereignisses zu seinem fiktiven Gegenstück herzustellen. Manchmal aber ist die Ähnlichkeit so verlockend, dass man nicht widerstehen kann, eine solche Beziehung herzustellen. Besonders dann nicht, wenn als Resultat die Möglichkeit winkt, den »Einen Ring« Saurons, den Auslöser des Großen Ringkriegs und damit der Geschichte des Herrn der Ringe, in Wirklichkeit bestaunen zu können.

Wer das möchte, der sollte sich ins British Museum in London begeben, wo in einer der Vitrinen ein massiver goldener Ring zu sehen ist, auf dem auch nach Jahrhunderten eine gut lesbare Runeninschrift prangt. Der Kingmoor Ring wurde 1817 in der Nähe von Carlisle in der Nähe der Grenze zu Schottland durch Zufall auf einer Weide gefunden. Er ist einer von insgesamt sieben bekannten Runenringen aus der Zeit nach der Besiedlung der britischen Insel durch die Angelsachsen und vor der Eroberung durch die Normannen. Interessanterweise trägt einer der anderen Ringe eine fast identische Inschrift, obwohl er an einer ganz anderen Stelle gefunden wurde. Jeden Tolkienfan sollte das aufhorchen lassen: drei für die Elben, sieben für die Zwerge und neun für die Menschen. Aus welcher Charge die beiden Ringe wohl stammen?
Die Inschrift ist bis heute nicht ganz entziffert. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten zu einem aus einem Grimoire des 9. Jahrhunderts bekannten Zauberspruch, der vor Blutverlust schützen sollte. Da der Kingmoor-Ring die Größe eines Männerrings hat, also vielleicht einem reichen Krieger gehört hat, mag sich der Träger Schutz im Kampf erhofft haben. Glücklicherweise findet sich in keinem Übersetzungsversuch ein Hinweis auf »knechten«, »finden« oder »binden«.

Natürlich lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen, dass der Kingmoor Ring, oder ein anderer der sieben bekannten angelsächsischen Runenringe die Vorlage für Tolkiens magische Ringe war. Dass J.R.R. Tolkien als Experte für alte Sprachen und Professor für angelsächsische Geschichte von diesen wichtigen Zeugnissen angelsächsischen Schrifttums in Großbritannien gewusst haben muss, gilt als gesichert. Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Wissen – bewusst oder unbewusst – seinen Eingang in Tolkiens Werk gefunden hat und zu den Ringen der Macht wurde.
In Tolkiens Vorstellung lag Mittelerde in einer mythischen, vorgeschichtlichen Epoche unserer Welt. Vielleicht hat er den Kingmoor-Ring und seine Brüder als Überbleibsel gesehen, als letzte Zeugen des Großen Ringkriegs, nach der Vernichtung des Einen Ringes ihrer Macht beraubt, aber nicht zerstört; als Boten aus einer Welt, die aus seiner Fantasie ihren Weg gefunden hat in das kulturelle Bewusstsein ganzer Generationen von Lesern nach ihm.

Wir danken unserem Leser Carsten Schmitt für diesen Beitrag. Ihr habt selbst ein Thema der Fantasy, das ihr gerne auf www.hobbitpresse.de behandelt sehen wollt? Dann schreibt uns unter blogs@klett-cotta.de. Die besten Beiträge werden hier veröffentlicht und mit Buchpaketen belohnt!

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