Der Herr der Ringe – Drei Übersetzungen aus der Sicht eines langjährigen Fans

Eva Bergschneider von phantastisch-lesen.com wirft einen Blick auf die deutschen Herr der Ringe-Übersetzungen

Meine erste Begegnung mit dem Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien erlebte ich mit der Übersetzung von Margaret Carroux. Die Bücher Die Gefährten, Die zwei Türme und Die Rückkehr des Königs faszinierten mich wie wenige andere zuvor und sorgten dafür, dass ich nachhaltig der Phantastischen Literatur verfiel. Der antiquiert klingende Stil störte mich nicht, passte er doch hervorragend zum mittelalterlichen Setting der Geschichte. Darüber, ob die Übersetzung werkgetreu vorgenommen wurde oder die Formulierungen dem deutschen Sprachgebrauch entsprachen, machte ich mir als Jugendliche keine Gedanken. Ich kannte ja Tolkiens Originaltext nicht, den Sammelband The Lord of the Rings kaufte ich erst viele Jahre später. Nämlich dann, als sich der erste Teil von Peter Jacksons Herr der Ringe-Verfilmung ankündigte.

Die neue Übersetzung von Wolfgang Krege…

Der Jahrtausendwechsel brachte uns nicht nur den Y2K Bug, der keiner war, sondern auch eine neue Übersetzung der Der Herr der Ringe-Romane. Wolfgang Krege, ein gestandener Übersetzer für die Tolkien-Bücher der Hobbit Presse, wollte eine verbesserte deutsche Ausgabe erschaffen. Er schrieb dazu in den Anmerkungen zur neuen Übersetzung:

»Die alte Fassung ist eine getreue Nacherzählung einer fremden Geschichte. Sie gibt den englischen Text im Allgemeinen zuverlässig wieder; doch der Ton klingt neutral und gedämpft, als käme er über Mikrophon aus der gläsernen Kabine. Die neue Fassung maßt sich einen Versuch an, die Geschichte so vorzutragen, wie Tolkien es tun würde, wenn er heute, 1999, schriebe und wenn er sie aus dem Westeron gleich ins Deutsche brächte, ohne den Umweg über das Englische.«

Wolfgang Krege hatte sich also hohe Ziele für seine Übersetzung gesetzt. Er wollte den Inhalt treffender darstellen, den Text lesefreundlicher gestalten und an den deutschen Sprachgebrauch anpassen.

…schlug Wellen der Empörung

Die rote Hardcover-Ausgabe des Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien in der Übersetzung von Wolfgang Krege lag 2001 unter unserem Weihnachtsbaum. Ganz gelesen habe ich sie nie, denn ich wurde abgeschreckt.

Kurz nach der Jahrtausendwende machte ich die Bekanntschaft mit dem Forum der Herr der Ringe-Filmwebseite. Vielerorts im Netz und auch dort wurde äußerst kontrovers über die Qualität der neuen Übersetzung diskutiert.  Die User des Herr der Ringe-Filmforums zitierten in etlichen Threads Textpassagen und ließen sich darüber aus, warum Wolfgang Kreges Übersetzung schlechter sei als die von Margaret Carroux. Wolfgang Krege nähme Interpretationen vor, anstatt zu übersetzen, hieß es. Wolfgang Kreges Sprache sei zu modern und zu wenig dem Originaltext entsprechend fanden die Fans der Carroux-Ausgabe. Der mit weitem Abstand größte Aufreger war eine veränderte Personenbezeichnung. Sam spricht von Frodo nicht länger als »Herr«, wie in der Carroux-Ausgabe, sondern als »Chef«.

Gefühlt gab es unter den Diskutanten erheblich mehr Fans, die die alte Übersetzung bevorzugten und die neue verteufelten. Was allerdings nicht heißen muss, dass dies für die Mehrheit der User insgesamt galt. Bevor und während Peter Jacksons monumentale Verfilmung des Herr der Ringe in den Jahren 2001 bis 2003 die Kinoleinwände eroberte, lasen viele junge Menschen die Herr der Ringe-Bücher erstmalig, überwiegend die neue Übersetzung. Diese Leser verstanden die Aufregung nicht und hielten sich überwiegend aus den langen Diskussionen heraus. Ein paar wenige merkten an, dass für sie Kreges Übersetzung  vielleicht weiter vom Originaltext entfernt, dafür aber flüssiger lesbar sei. Sie hatten den Herrn der Ringe in Wolfgang Kreges Version lieben gelernt.

Was mich angeht, so fand auch ich die Bezeichnung »Chef« damals so furchtbar, dass ich davon absah, die neue Übersetzung komplett zu lesen und mir unabhängig eine Meinung darüber zu bilden.  Dabei verwendet Sam den Begriff nur dann, wenn er Frodo ausschließlich mit dem Titel anredet. Wenn er den Namen bei der Anrede dazu nimmt, heißt es weiterhin »Herr Frodo«. Mir entging für viele Jahre, dass Wolfgang Krege neben einigen sicherlich fragwürdigen Formulierungen auch viele Textpassagen erschuf, die tatsächlich besser und stimmiger die Atmosphäre des Herrn der Ringe einfingen.

Mit einem langen Abstand zu dem Übersetzungs-Disput und anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der deutschen Herr der Ringe-Ausgabe, fand ich Gefallen an der Idee, mir die Übersetzungen noch einmal anzusehen. Insbesondere deswegen, weil im Jahr 2012 die Hobbit Presse eine weitere Variante heraus brachte; eine sanft überarbeitete Version der Übersetzung von Wolfgang Krege.

Die Überarbeitung der neuen Übersetzung

Lisa Kuppler und Stephan Askani, Übersetzerin und Lektor der Hobbit Presse, schrieben dazu:

»1. Der eigene Sprachductus von Kreges Herr der Ringe-Übersetzung sollte gewahrt bleiben. 2. Der von Krege selbst formulierte Anspruch ›die Geschichte so vorzutragen, wie Tolkien es tun würde, wenn er heute, 1999, schriebe‹ sollte weiterverfolgt werden, gleichzeitig sollte aber auch versucht werden, ihn mit der Übersetzungsvorlage auszubalancieren, bzw. in Einklang zu bringen. Daher hat sich das Lektorat dafür entschieden, bei den Anredeformen auch auf das englische ›Master‹ zurückzugreifen, wo es der Bedeutung von ›Junger Mann/ junger Herr‹ entspricht.«

Auf die Personenbezeichnung »Chef« wurde in dieser Übersetzungsvariante gänzlich verzichtet.

 

 

Textbeispiele

Bei der Lektüre vom ersten Herr der Ringe-Band Die Gefährten in der überarbeiteten Übersetzung Wolfgang Kreges, habe ich ein paar markante Textstellen markiert, um die verschiedenen Textvarianten zu vergleichen: Original, Carroux, Krege 2000, Krege 2012. Auf drei Textstellen möchte ich hier näher eingehen.

Hat Carroux tatsächlich näher am Text übersetzt? Wie flüssig lesen sich die Texte im Vergleich? Was hat es mit den unterstellten Interpretationen auf sich?

  1. Schling- und schluck…was?

Original: Their faces were as a rule good-natured rather than beautiful, broad, bright-eyed, red cheeked, with mouth apt to laughter and to eating and drinking.

Carroux: Ihre Gesichter waren in der Regel eher gutmütig als schön, breit, mit glänzenden Augen, roten Wangen und Mündern, die immer zum Lachen und Essen und Trinken bereit waren.

Krege 2000: Ihre Gesichter waren in der Regel eher breit und gutmütig als schön, mit blanken Augen, geröteten Wangen und lachfaltigen, überaus schling- und schlucktüchtigen Mündern, die immer zum Lachen bereit waren.

Krege 2012: Ihre Gesichter waren in der Regel eher breit und gutmütig als schön, mit blanken Augen, geröteten Wangen und überaus schling- und schlucktüchtigen Mündern, die immer zum Lachen bereit waren.

Der erste wesentliche Unterschied in den verschiedenen Übersetzungen betrifft das Adjektiv »bright«. Das Online-Wörterbuch schlägt »hell«, »glänzend«, »leuchtend« und »blank« vor, »blank« funktioniert hier etwas besser als »glänzend«. Denn »glänzende« Augen verbindet man eher mit einem Augenblick, in dem diese Augen etwas Besonderes sehen. Es eignet sich weniger für eine allgemeine Beschreibung.

Fragwürdig erscheint mir die Beschreibung »schling- und schlucktüchtig«. Sie entspricht weder dem Originaltext, noch dem deutschen Sprachgebrauch und beschreibt die Physiognomie der Hobbits mitnichten treffender, als Carrouxs Variante »Mündern, die immer zum Lachen und Essen und Trinken bereit waren.« Hier verfehlt Wolfgang Kreges Text die eigenen Zielvorgaben.  Das ebenso missglückte »lachfaltig« wurde in der überarbeiteten Variante korrigiert.

  1. Hund oder Köter – welcher Begriff passt besser?

Original: »Listen, Hound of Sauron« he cried »Gandalf is here. Fly, if you value your foul skin.«

Carroux: »Höre, Saurons Hund« rief er »Gandalf ist hier. Fliehe, wenn Dir deine stinkende Haut lieb ist.«

Krege 2000 und 2012: »Kusch Du Köter Saurons!« rief er »Gandalf steht hier. Verschwinde, wenn Dir Dein räudiges Fell lieb ist.«

Im Wörterbuch wird »Hound« mit »Hund« oder »Jagdhund« übersetzt.  Carroux hat hier also wörtlich übersetzt, Krege ein negativ konnotiertes Synonym verwendet. Das Verb »to hound« beschreibt auf Deutsch jagen, verfolgen, belästigen. Mit »Köter« assoziieren wir einen gefährlichen Hund und genau solche Hunde sind hier gemeint. Daher hat hier Carroux zwar näher am Originaltext übersetzt, Krege aber die Atmosphäre der Szene besser getroffen.  Ob »Kusch« zum Ausdruck des Vertreibens unbedingt sein musste, sei einmal dahin gestellt.  Es ist eine sehr freie Übersetzung von »Listen«, passt aber durchaus zur Szene. Ähnlich verhält es sich mit der Übersetzung von »foul skin«. Carrouxs Übersetzung »stinkende Haut« ist die wortwörtliche Übersetzung, »räudiges Fell« entspricht hingegen eher dem deutschen Sprachgebrauch.

  1. Der unbeliebte »Chef«

Ein Blick auf eine Szene mit dem Hauptkritikpunkt der zahlreichen Kritiker der Krege Übersetzung sollte nicht unterschlagen werden. Wie schlimm ist die Bezeichnung »Chef« wirklich? Und was wurde in der Überarbeitung der Krege Übersetzung daraus gemacht?

Original: »And begging yours, Sam Gamgee«. Replied Bilbo »I guess you mean that it is time your master went to bed.«

Carroux: »Und ich bitte Dich auch um Entschuldigung, Sam Gamdschie« antwortet Bilbo »Du findest vermutlich, dass es für Deinen Herrn Zeit ist, ins Bett zu gehen.«

Krege 2000: »Und ich bitte meinerseits um Verzeihung, Sam Gamdschie.« Antwortete Bilbo »Ich nehme an, Du willst sagen, dass es für Deinen Chef Zeit wird, schlafen zu gehen.«

Krege 2012: »Und ich bitte meinerseits um Verzeihung, Sam Gamdschie.« Antwortete Bilbo »Ich nehme an, Du willst sagen, dass es für Deinen Master Frodo Zeit wird, schlafen zu gehen.«

Originaltext und alle Übersetzungen sind sich darüber einig, dass Frodo und Sam eine Art Dienstverhältnis unterhalten. Oft wurde ihrer Beziehung zueinander Ähnlichkeit mit der eines Lieutenants zu seinem  Sergeant oder Korporal im Ersten Weltkrieg attestiert.  In dem Sachbuch Tolkien und der Erste Weltkrieg von John Garth (https://www.booknerds.de/2014/11/john-garth-tolkien-und-der-erste-weltkrieg-buch/)  kann man nachlesen, wie prägend sich Tolkiens Zeit als Offizier im Ersten Weltkrieg an der Somme auf sein Schreiben auswirkte. Und das Vorwort zum Herr der Ringe zitiert seinen Erschaffer wie folgt:

»Der Autor kann natürlich von der eigenen Erfahrung nicht völlig unberührt bleiben, aber der Vorgang, in dem der Keim einer Geschichte aus dem Boden der Erfahrung seine Nahrung zieht, ist äußerst verwickelt. [..] Gewiss, wie bedrückend ein Krieg ist kann nur der ganz empfinden auf den dieser Schatten einmal gefallen ist: doch im Laufe der Jahre scheint man nun oft zu vergessen, dass es eben so schrecklich war, als junger Mensch 1914 da hineinzugeraten, wie 1939 und in den folgenden Jahren. 1918 waren alle meine guten Freunde tot, bis auf einen.«

Mit diesem Statement wandte sich Tolkien gegen etwaige Spekulationen, dass der Herr der Ringe als Allegorie zum Zweiten Weltkrieg zu verstehen sei. Es zeigt aber auch, dass seine eigenen Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg durchaus ihre Spuren in seinem Werk hinterließen. Das gilt sicherlich für die Beziehung zwischen Frodo und Sam, denn es erklärt sowohl die absolute Loyalität Sams zu Frodo, als auch seinen Status als Bediensteter und als Freund zugleich.  Beständige Lebensbedrohung wie an der Front, oder eben wie auf einer gefährlichen Quest, vermag eine tiefe Freundschaft zwischen dem Vorgesetzten und seinem Untergebenen zu schmieden.

Die Bezeichnung »Chef« ist hier im nicht militärischen Kontext also keinesfalls falsch. Ich vermag nicht festzustellen, wie lange es den Begriff schon gibt. Vielleicht wusste Wolfgang Krege, dass es diese Bezeichnung schon länger gibt, als die meisten von uns vermuten. Jedenfalls wurde »Chef« als Personenbezeichnung im Herr der Ringe als unpassend und zu modern empfunden. Auch von mir. In der überarbeiteten Version der Übersetzung hat man sich dagegen entschieden, Carrouxs Bezeichnung »Herr« wieder einzusetzen. Ich bin kein Anglist, vermute aber, dass die Begriffe »Master« und »Herr« nicht exakt dasselbe beschreiben. »Herr« lässt auch mich eher an die Abhängigkeitsbeziehung im Feudalismus, als an eine Arbeitsbeziehung denken. Und eine solche sehe auch ich zwischen Frodo und Sam nicht. Es ist sicherlich eine gute Lösung, hier einfach den englischen Titel »Master« beizubehalten.

Fazit

Wenn mich heute jemand fragt, welche deutsche Übersetzung ich einem Herr der Ringe-Erstleser empfehlen würde, ich würde mich voller Überzeugung für die überarbeitete Variante von Wolfgang Kreges Übersetzung aus dem Jahr 2012 aussprechen. Nach langer Der Herr der Ringe-Abstinenz las ich Die Gefährten in der überarbeiteten Fassung und der Zauber der Geschichte zog mich erneut in seinen Bann. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, erfüllt für mich dieser Text das, was Leser und Leserinnen von einer guten Übersetzung erwarten:

  1. eine korrekte und treffende Übertragung des Originaltexts,
  2. ein lesefreundlicher Text, der
  3. die Atmosphäre der Geschichte authentisch wiedergibt

Für die hochwertige Schmuckausgabe des Herr der Ringe-Romans, die Ende 2016 erschien, hat sich die Hobbit Presse abermals für die alte Übersetzung von Margaret Carroux entschieden. Klar, die Zielgruppe für dieses besondere, wunderbar gestaltete und nicht gerade preisgünstige Buch sind die langjährigen Herr der Ringe-Fans. Diejenigen, die das Fantasy-Epos in der Übersetzung von Margaret Carroux kennengelernt haben. Für die Neueinsteiger ist meines Erachtens dennoch die überarbeitete Variante von Wolfgang Krege die richtige Wahl.

 

Eva Bergschneider schreibt auf phantastisch-lesen.com am liebsten über Fantasy, gern auch über gesellschaftskritische Romane des Phantastik-Genres wie Science-Fiction und Steampunk.

»Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.«

21. Februar 2019

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