Die TolkienTimes Oktober 2006

Hobbit Presse - Im Zeichen des Greifen

Zur Benennung der Hobbit Presse

Lesegewohnheiten sind eine sonderbare Sache. Manche Leser bekommen in jungen Jahren ein »Perry Rhodan«-Heft geschenkt und schwören ihr Leben lang auf diese Serie. Andere stoßen in einem Antiquariat auf die schönen weißen Bände der »Bibliothek der Science Fiction Literatur«, vor Jahr und Tag bei Heyne erschienen, und sehen die Welt der Bücher plötzlich mit anderen Augen. So oder so – derartige lichte Momente können das Leben grundlegend verändern.

Mein Leben verändert haben die schönen Paperbacks der Hobbit Presse, die ich in jungen Jahren verschlungen habe. Was für Juwelen es da zu entdecken, was für exotische Reiche es da zu erkunden gab und gibt! Zuerst und vor allem »Der Herr der Ringe« – aber das war nur der Anfang. In einem fernen Märchenwald außerhalb von Zeit und Raum graste »Das letzte Einhorn« von Peter S. Beagle; »Roter Mond und Schwarzer Berg« von Joy Chant ließ seine Leser an den wilden Kämpfen räuberischer Adler teilnehmen; Lord Dunsany erzählt die Geschichte einer »Königstochter aus Elfenland« und William Goldmann ließ uns glauben, dass es »Die Brautprinzessin« wirklich gegeben hatte; und wer Mervyn Peake nach »Gormenghast« folgte, würde die Abenteuer des jungen Titus Groan hinter meterdicken Burgmauern nie vergessen.

In Vergessenheit geriet jedoch vorübergehend der Name Hobbit Presse. Zwar wurde die Fantasy bei Klett- Cotta weiterhin mit Liebe, Sachkenntnis und Fingerspitzengefühl gepflegt. Tad Williams veröffentlichte dort seinen Welterfolg »Otherland« in vier umfangreichen Bänden und Gesa Helm entführte ihre Leser in die wundersamen Reiche Banehra und Banahicha (in »Der Spiegel von Kajx« und »Die Spur des Seketi«). Doch es sollten einige Jahre ins Land gehen, bis die Phantastik im Zeichen des Greifen wieder unter ihrem eingeführten Namen den Weg in die Buchhandlungen finden würde.

Im Herbst dieses Jahres war es nun wieder so weit – unter dem Label Hobbit Presse startete die Phantastik bei Klett-Cotta neu durch. Damit soll an die Tradition eines Namens angeknüpft werden, der unter Kennern noch heute einen besonderen Klang hat: Die Hobbit Presse steht für außergewöhnliche Fantasy, hinsichtlich Inhalt wie Qualität.

In den Jahren nach dem »Herrn der Ringe«-Erfolg hat der Verlag Klassiker wie »Tolkiens Briefe vom Weihnachtsmann« und Daniel Keyes’ »Blumen für Algernon« neu aufgelegt. Mit »Stadt der Heiligen & Verrückten« des US-Amerikaners Jeff VanderMeer und »Aether« des Briten Ian R. MacLeod erschienen gleich zwei bahnbrechende Romane der neueren angloamerikanischen Phantastik. Deutsche Erstausgaben der Altmeister M. P. Shiel und Boris Strugatzki stießen nicht nur in der Genrepresse auf große Resonanz.


Was für Juwelen es da zu entdecken, was für exotische Reiche es da zu erkunden gab und gibt!


Ende Juli 2006 kamen nun gleich drei aufsehenerregende Bücher heraus:

Der Zauberer»Der Zauberer« von Gene Wolfe beschließt die zweibändige »Mythgarthr«-Saga. Wolfe gilt seit Jahrzehnten als wichtigster Autor der angloamerikanischen Science Fiction und Fantasy. Mit dem Erscheinen seines neuesten Großepos in der vorzüglichen Übersetzung von Jürgen Langowski wird ihm auch hierzulande endlich der verdiente Erfolg beschieden sein. Kein anderer zeitgenössischer Schriftsteller erzählt mit einer solchen feinsinnigen Sprachgewalt, und der Held der Geschichte, Sir Able of the High Heart, gehört zu den denkwürdigsten Romanfiguren in Wolfes Werk.


Die »Hobbit Presse« versteht sich als Einladung an die Leser phantastischer Literatur


Eine Saga endet, zwei weitere beginnen: Mit »Seelen in der großen Maschine« von Sean McMullen und »Schattenfall« von R. Scott Bakker gehen zwei umfangreiche Trilogien an den Start.

Seelen in der großen MaschineDer Australier McMullen erzählt von einer fernen Zukunft, in der Windmotoren zu den Spitzentechnologien gehören und Dampfkraft von allen großen Kirchen mit einem Bann belegt ist. In dieser Welt ohne Elektrizität unternimmt es Zarvora Cybeline, oberste Drachenbibliothekarin von Rochester, einen Computer zu bauen – den gewaltigen »Kalkulor«, der nicht aus Platinen und Schaltkreisen besteht, sondern aus Tausenden von Menschen. »Seelen in der großen Maschine« ist der erste Band der »Greatwinter«-Trilogie und gilt zurecht als Meisterwerk der australischen Phantastik.


SchattenfallGanz der Tradition der epischen Fantasy verschrieben hat sich R. Scott Bakker. Sein Epos vom »Krieg der Propheten« wird in einem Atemzug mit den großen Werken von George R. R. Martin und Steven Erikson genannt, und das völlig zu Recht: Es ist geradezu unglaublich, mit welcher Souveränität, mit welchem erzählerischen Atem uns Bakker mit Band 1 »Schattenfall« in das Reich Eärwa entführt. Er wirft uns mitten hinein in einen Heiligen Krieg, der das Land zu verheeren droht. Im Mittelpunkt steht das Schicksal dreier ganz unterschiedlicher und eigenwilliger Männer. Die Fantasy hat schon lange keinen solch überzeugenden Erstling mehr gesehen.

Die Hobbit Presse versteht sich als Einladung an die Leser phantastischer Literatur; entdecken Sie die faszinierendsten und eigenwilligsten Bücher von heute, die Klassiker von morgen.