Die TolkienTimes - Fortsetzungsgeschichte
In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil. Die Fortsetzung der Geschichte finden Sie dann immer hier unter der hobbitpresse.de.
Nicole Terlinden: Der Ruf der Eule
Als die Glut der untergehenden Sonne erloschen war, loderte im Großen Saal der alten Festung ein Kaminfeuer auf. Die züngelnden Flammen schufen rings um die an der Feuerstelle sitzende Frau und ihre Zuhörer eine behagliche Höhle aus Wärme und Licht, in der seltsam geformte Schatten umherflatterten.
Im großen Saal waren weniger Menschen als gewöhnlich versammelt, denn der Burgherr und die ihn begleitenden Ritter waren von ihrem Besuch weit entfernter Ländereien noch nicht zurückgekehrt. Während die jüngeren Burgbewohner vor der Geschichtenerzählerin auf Strohmatten am Boden hockten, saßen die Älteren - vom Schein des Feuers nur noch schwach erhellt - an der Hohen Tafel. Erwartungsvoll blickten sie alle in das seltsam feierlich anmutende Gesicht der Frau, die in der Morgendämmerung des vergangenen Tages mit dem Abklingen des ersten Herbststurmes vor dem Burgtor gestanden hatte - eine nicht sehr große, aber aufrechte Gestalt unbestimmten Alters mit vom Wind zerzaustem silbergrauem Haar. Im Schein des Feuers schienen nun kleine Funken in ihren Augen zu tanzen.
So waren die geflügelten Schatten, die aus dem zuckenden Licht der Feuerstelle emporwuchsen, das Einzige, was sich in der weitläufigen Halle bewegte, und nur das Knistern des Feuers durchbrach die Stille, als Karella ihre Stimme erhob und die Grenzen von Raum und Zeit verblassen ließ:
»Seit Anbeginn der Zeit steht ein Felsen unverrückbar und unvergänglich zwischen in Finsternis gehüllten Stürmen und gleißend weißem Sonnenlicht. Seeadler nisten in seinen mit schmalen, kantigen Felsvorsprüngen übersäten Steilhängen, während unter ihnen die Brandung tobt. Für Menschen unerreichbar erwächst aus ihnen ein Turm, der sich hoheitsvoll und erhaben über die Wolken erhebt - golden glänzend im Tanz der Sonnenstrahlen und silbern schimmernd unter dem fahlen Schleier des Mondscheins.
Alle Völker unserer Welt haben dort ihre Wurzeln, doch die Erinnerung daran hat sich nur noch in Bruchstücken erhalten, die der Wind der Zeit wie verdorrte und weit verstreute Überbleibsel eines längst vergangenen Sommers vor sich her treibt.
Das wahre Wesen seiner Bewohner hat kein Sterblicher je geschaut, denn ihr Anblick verflüchtigt sich
vor dem geistigen Auge des Betrachters wie Wasser, das einem durch die Finger rinnt. Meister der Verwandlungen
sind sie, leuchtend wie die Facetten eines Juwels, in denen sich das Licht bricht und in unendlich vielen
Farben schimmert. Aber ebenso wie der Edelstein seinen kleinen ebenen Flächen Halt gibt, so schöpft
auch das im Turm lebende Volk seine Kraft und Stärke aus der besonderen Magie seiner Wohnstatt. Einem
Ort zwischen Himmel und Erde - unvergänglich inmitten des Meeres der Zeit, dessen Wellen sich an seinem
felsigen Grund brechen.
Eines Tages jedoch entdeckte der Altvordere Ihann im Nest eines am oberen Absatz des Felsens brütenden
Seeadlers zwischen Seetang, Flechten und Moos ein knorriges, mehrfach verästeltes und scheinbar totes
Gebilde, dessen raue und brüchige Oberfläche neues Leben hervorgebracht hatte: zarte grüne
und blaßrosa Knospen - zerbrechlich und schön. Neugierig nahm er den Zweig mit in den Turm, und
als sich die Knospen an diesem Ort voller Wärme und Licht zu öffnen begannen, entfaltete der liebliche
Duft der weißen Blütenkronen eine seltsame Wirkung auf ihn. Ein fremdartiges Gefühl ergriff
von ihm Besitz. Zunächst nur flüchtig und schwer faßbar, verdichtete es sich zu einer tiefen
Sehnsucht nach fernen Ufern.
Die Blütenpracht schwand dahin, doch das Fernweh - die Einladung in die Weite - blieb, und während außerhalb des Turmes Tag und Nacht kamen und gingen, das Leben innerhalb des Turmes jedoch unverändert den Stürmen der Zeit trotzte, faßte Ihann den Entschluß, das Land hinter dem Horizont zu suchen. Schließlich tat er den ersten Schritt - ohne vorheriges Rückwärts- und Vorwärtsschauen, ohne Zögern. Er nahm die Gestalt eines Adlers an, stürzte sich vom Felsenturm hinab und stieg in weitem Bogen über dem Meer empor.
Und so begann es. Langsam, kaum merklich, aber unwiderruflich, setzte ein Wandel ein. Das innere Gleichgewicht
des Turmes verlagerte sich, denn jede einzelne kleine Fläche verleiht dem Edelstein seine Lebendigkeit,
das ihm eigene Feuer. Geht eine Fläche verloren, so erlischt auch ein Teil seines Glanzes.
Ihann jedoch ahnte davon nichts. Seine riesigen Schwingen trugen ihn durch grauschwarze, wolkenverhangene
Stürme und klaren Himmel über die silbrigblaue Weite des Meeres hinweg - hinter den Horizont.
Lange flog er so dahin, bis endlich in der Ferne die in bläulichen Dunst gehüllten Umrisse eines
Ufers in Sicht kamen. Und als der Nebel beim Sonnenaufgang allmählich dahinschwand, erhob sich vor
ihm eine hohe, mit frischem Grün bedeckte Klippe, an deren Fuß sich ein weißer Strand erstreckte.
Der Welt, die dort auf Ihann wartete, wohnte zu jener Zeit ein ganz eigener Zauber inne. Jung und voller
Wunder war sie. Lebendig und veränderlich. Die Möglichkeiten schienen grenzenlos, und er berauschte
sich an diesem Gefühl, während seine Adlerschwingen ihn über Berg und Tal, Strom und Land
trugen. Schließlich legte sein Geist die Gestalt des Adlers ab, wie man einen Umhang abstreift, sobald
man am Ziel seiner Reise angekommen ist, und als er den Boden berührte, nahm er erstmals eine ihm eigene
Körperlichkeit an.
Er kehrte nie in den Turm zurück, aber andere folgten. Gemeinsam verloren sie sich in der ihnen so
verlockend erscheinenden Welt - selbst die Lage des Felsenturmes geriet irgendwann in Vergessenheit. Doch
dauerte es nicht lange und sie begannen nach unterschiedlichen Dingen zu trachten. Die einen strebten nach
Größe und Macht - besitzergreifend und bindend. Die anderen wiederum wollten einfach nur leben
- ungebunden und frei. Schließlich beschlossen sie, getrennte Wege zu gehen, aber beide Gruppen zahlten
einen hohen Preis dafür.
Diejenigen, aus denen später die Menschen hervorgegangen sind, banden sich selbst in dem Maße,
in dem sie von der Welt Besitz ergriffen, an deren Lauf. Während sie sterblich wurden und die Fähigkeit
verloren, ihre Gestalt zu wechseln, wurden die anderen zu Wanderern zwischen den Welten: Nur zum Teil an
die Gesetzmäßigkeiten der Welt gebunden, besitzen sie noch immer die Gabe, ihre menschliche Gestalt
abzustreifen und auf dem Wind, ja sogar außerhalb der Zeit zu fliegen. Doch trotz des ihnen innewohnenden
Zaubers sind sie nur ein schwacher Abglanz der einst den Felsenturm durchströmenden Magie, denn es
gibt kein Zurück mehr an den Ort des Ursprungs. So weit ihre Flügel sie auch tragen mögen
- sie erreichen nie ihr Ziel, weil der feurige Glanz des Felsenturmes längst erloschen ist.
Und während der Sommer der Welt allmählich dem Herbst zu weichen beginnt, leben die Gefährten
des Windes nur für sich selbst, während die Erdgebundenen nur für ihren Besitz leben. Beide
sind einander fremd geworden. Gemeinsam ist ihnen nur noch das tief im Herzen empfundene Gefühl der
Leere, welche die jeweils andere Seite in ihnen hinterlassen hat und die des Nachts in dem traurigen Ruf
der Eule nachhallt.«
Karella verstummte und auch die Zuhörer schwiegen eine ganze Weile. Während einige sie mit einem
nachsichtigen Lächeln bedachten, wie man es einem Kind mit allzu lebhafter Fantasie schenkt, waren
andere noch ganz in der von ihr heraufbeschworenen Bilderflut versunken.
"Das ist ein trauriges Ende", stellte schließlich ein mit übereinandergeschlagenen
Beinen nahe der Feuerstelle sitzender und mit großen Augen zu der Erzählerin aufblickender Junge
betrübt fest.
Karella, die in dem Sprecher den jüngsten Sohn des Burgherrn erkannte, zog die Brauen hoch und lächelte
ihn freundlich an. "Nein, junger Herr", widersprach sie. "Denn noch ist die Geschichte nicht
zu Ende. Noch gibt es Hoffnung." Sie hielt einen Moment inne, während ihr Blick ohne einen für
die Anwesenden erkennbaren Grund über diese hinweg zu dem in völlige Finsternis gehüllten
Eingangsbereich der Halle hinüberschweifte. Dann wandte sie sich wieder dem Jungen zu:
»Unter den Menschen wie unter den Gefährten des Windes gibt es einige, die die Sehnsucht nach ihrer fehlenden Hälfte tiefer und bewußter in sich spüren als andere. Ohne es zu ahnen, besitzen sie etwas, das viel größer ist als Reichtum oder Freiheit - eine Art Heilkunst, die Gabe des Ganzmachens. Sie können die Kluft zwischen den Erdgebundenen und den Gefährten des Windes überwinden und die zerbrochenen Hälften zu etwas Neuem zusammenfügen, das kostbarer und beständiger ist als je zuvor.«
»Könnten wir dann auch wieder fliegen?«, fragte der jüngste Sohn des Burgherrn, während
er sich nach vorne beugte, begierig mehr zu hören. Eine Locke seines braunen, im Schein des Feuers
leicht kupferrot schimmernden Haares fiel ihm in die Stirn, und er strich sie ungeduldig nach hinten. Über
ihm, mit dem Rest der adligen Familie auf einem Podium sitzend, gab sein älterer Bruder ein leicht
amüsiert klingendes Schnauben von sich, während er von oben herab die Hand ausstreckte und dessen
Haar liebevoll zerzauste: »Oh ja, umherflattern wie die Eule, die unsere Falken auf der Jagd im letzten
Sommer von ihrem Schlafplatz aufgeschreckt haben.« Einige lachten, während der Junge mit den wissbegierigen
Augen und wilden Locken im Gesicht rot anlief und zu Boden blickte.
Karella schaute zum Podium hinauf. »Ich verstehe, warum Ihr den Falken der Eule vorzieht, Herr Faron«,
räumte sie ein, als wieder Ruhe eingekehrt war. »Der Falke ist ein majestätisches Tier mit
scharfen und wachsamen Augen und ziert daher das Wappen vieler mächtiger Fürsten. Der Falke jedoch
vermag nicht zu sehen, was sich in der Dunkelheit verbirgt. Die Eule schon.«
Ganz still saß die Erzählerin nun da und ließ ihre Worte wirken. Doch kaum waren diese in der Weite des großen Saals verhallt, regte sich in der Dunkelheit ein Schatten. Schwere Schritte und das leise Klirren eines Kettenhemdes ließen die Anwesenden aufhorchen. Der Burgherr war zurückgekehrt. Den Staub der Reise noch in der Kleidung trat er an den Rand des vom Kaminfeuer geschaffenen Lichtkreises und gebot den Anwesenden mit einer knappen Geste, sitzen zu bleiben und zu schweigen.
Er blickte auf Karella herab, und seine Augen waren ganz die eines Herrschers, der keinen Widerspruch duldet. »Schluß mit diesem Unsinn, mit solch erfundenen, törichten Geschichten, wie sie Bauersfrauen ihren Kindern am Abend erzählen! Eines Tages werden jene ...«, und dabei deutete er mit einem Kopfnicken auf die am Boden hockenden Kinder, wobei er mit einer ausladenden Geste auch die an der hohen Tafel sitzenden älteren Jungen mit einbezog, »... die besten Krieger und mächtigsten Fürsten des Reiches sein. Erzähle ihnen eine wahre Geschichte. Etwas, das eines solchen Erbes würdig ist!« Während dieser Zurechtweisung veränderte sich etwas im Gesicht der Geschichtenerzählerin. Ohne zu blinzeln, hielt sie dem stechenden Blick des Burgherrn stand. So flüchtig, daß sich der Betrachter hinterher nicht sicher war, ob es wirklich da gewesen oder nur eine Sinnestäuschung gewesen war, blitzte in ihren bernsteinfarbenen Augen etwas Uraltes und Unergründliches auf, bevor sich diese so sehr verdunkelten, daß man die Tiefe dahinter nicht mehr erkennen konnte. Sie wandte ihren Blick auch dann nicht ab, als sie beherrscht und ohne jede Spur von Unterwürfigkeit in der Stimme antwortete: »Selbstverständlich beuge ich mich Eurem Wunsch, hoher Herr, und entschuldige mich, wenn ich die edlen Herrschaften in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte.« Ein unbehaglicher Augenblick verging in Schweigen, bis schließlich beide gleichzeitig den Blick voneinander abwandten, und Karella mit einer leichten Verbeugung eine Heldengeschichte aus den Tagen der ersten Könige vorzutragen begann. Doch während der Burgherr seinen Platz auf dem Podium einnahm, begegnete Karellas Blick dem seines jüngsten Sohnes. Ihr aufmunterndes Augenzwinkern wurde von dem Jungen mit einem scheuen Lächeln beantwortet, bevor er ihrem Blick auswich und verstohlen über seine linke Schulter zu seinem Vater hinüberspähte. Er hätte der Geschichtenerzählerin gerne noch mehr Fragen gestellt, wagte dies in Gegenwart des Burgherrn jedoch nicht. Und während er äußerlich der Heldengeschichte zu lauschen schien, reiste er in Gedanken an einen fernen Ort in der Zukunft, in eine Zeit, in der beide Seiten gemeinsam die Trennung überwinden und etwas Neues schaffen würden.
Der Ruf der Eule hallte die ganze Nacht über in seinen Träumen nach, doch am nächsten Morgen war die Geschichtenerzählerin fort. Wie es ihr gelungen war, die Festung unbemerkt zu verlassen, blieb allen ein Rätsel, denn nach Aussage der Wächter war das Burgtor nach dem Eintreffen des Burgherrn am frühen Abend verschlossen und seitdem von niemandem mehr passiert worden.
Der Junge, der in der Morgendämmerung vom Südwestturm aus in die Ferne blickte, hätte es
ihnen sagen können, aber er hütete dieses Wissen wie die Eulenfeder, die er auf der Mauer des
Turms gefunden hatte, und die er auch an jenem Tag bei sich trug, als er die Burg seines Vaters verließ,
um seinen eigenen Weg zu suchen.
[Ende]
Fortsetzungsgeschichte
In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil.
Die Fortsetzung der Geschichte findet Ihr dann immer hier unter der hobbitpresse.de.
Die aktuelle Fortsetzungsgeschichte Oktober 2009:
1. Teil aus der TolkienTimes - Fortsetzung
Die früher veröffentlichten Geschichten:

