Die TolkienTimes - Fortsetzungsgeschichte

In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil. Die Fortsetzung der Geschichte finden Sie dann immer hier unter der hobbitpresse.de.

Ansgar Schwarzkopf: Der goldene Drachenkopf

»Ich brauche noch eine Handvoll Innereien«, rief eine Stimme aus dem Hinterzimmer.

»Ja!« dachte der kleine Chinese in seinem kleinen Laden mit defekter Leuchtreklame im Chinesenghetto der Großstadt, als er eine Dose mit dem Etikett »Nach dem Öffnen schnell verbrauchen« neu auffüllte.
»Ja!« dachte er also, und natürlich dachte er es auf kantonesisch, denn eine andere Sprache hatte er nie richtig gelernt, »ja, das ist wirklich die beste Mixtur seit Wochen.«

Er hatte sämtliche Rezepturen von seinem Vater übernommen, einem Teilzeit-Schamanen und Fußpfleger, welcher vor der Kulturrevolution irgendwo im fernen Asien praktiziert hatte. Dieser wiederum hatte sie von seinem Großvater erhalten, einem Abenteurer und Hobbyfotografen, der mit dem spöttischen Beinamen »Der Drachentöter« in die Annalen der Familie eingegangen war. Dessen Reisen hatten ihn seinerzeit jahrelang durch die einsamen, unwirtlichen Gebiete des Transhimalajas, die nördlichen Provinzen, durch Tibet und Nepal geführt. Irgendwann entdeckte er schließlich in der Weite des Erin-Tales, nahe der mongolischen Grenze, ein unheimliches Wesen, welches er für einen Drachen hielt. Bis heute lebte die Familie hauptsächlich von den Überresten dieses Drachen.

Der kleine Chinese konnte sich noch gut an seine Kindheit erinnern, als er im elterlichen Keller zwischen hohen Türmen aus Einmachgläsern spielte, welche die meist in Formalin eingelegten »Drachenbestandteile« beherbergten. Ein paar Exponate, wie beispielsweise die Urne seines Großvaters, welche aus dem linken, vorderen Fuß der Kreatur hergestellt worden war, oder die Schädeldecke, die nun als ansehnlicher Aschenbecher diente, befanden sich aus Repräsentationsgründen im Wohnzimmer.

Hinter seiner Verkaufstheke hatte der kleine Chinese eine vergilbte Fotografie aufgestellt, die seinen Opa mit einem Fuß auf dem Drachen posierend zeigte. Mit einem Selbstauslöser in der Hand hatte er sich nach den glücklich abgegebenen Schüssen vor sämtlichen Seiten des Drachen abgelichtet, damit seine Nachfahren ihn als den »Drachentöter« in Erinnerung behielten. Seine Großmutter indes behauptete bis zu ihrem Lebensende, daß ihr Mann das Tier lediglich preiswert einem Abdecker abgekauft habe, um seinen Heldengeschichten - die er des abends in der Dorfkneipe erzählte - größere Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Viel Glück hatte der Drache seinem Großvater allerdings nicht gerade gebracht: Nachdem er mit Erzählungen über seinen Drachen fast jeden Dorfbewohner genervt hatte, wurde er von ihnen zunehmend geschnitten und schließlich, wie es in ländlichen Gemeinschaften üblich ist, für eine Reihe von Unglücksfällen verantwortlich gemacht. Um so mehr, da er die Beschwerden seiner Nachbarn über die unangenehmen Düfte und immer zahlreicher werdenden Fliegenschwärme, welche die Drachenüberreste umbalzten, ignorierte.
Da die öffentliche Müllentsorgung zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen steckte, begann sein Großvater, das Problem des Kadaverabtransportes selbst zu lösen, indem er den Kopf vom Rumpf des Wesens abtrennte und sich entschloß, fortan mit dem Drachenunrat Geld zu machen. Vom Haupt nahm er später dann eine Totenmaske ab, den Rumpf öffnete er, um die wichtigsten Organe herauszuschneiden, in Einmachgläser zu füllen und überall in seinem Haus einzulagern. Um die restlichen Drachenbestandteile baute er einen großen Schuppen, in welchem er viel Zeit verbrachte.

Die Großmutter erzählte später, daß er regelrecht in dem Drachen gewohnt habe, und ließ sich einige Jahre später scheiden. Selbst heute ahnte man noch, wie riesig das Geschöpf gewesen sein mußte, wenn man sich die letzten übriggebliebenen Extremitäten ansah.

Mit verklärtem Blick schaute der kleine Chinese auf die letzten Dosen »Drachenbalsam« unter der Verkaufstheke. Sein Großvater wußte damals aus den Schorfpartikeln der Drachenschuppen ein hervorragendes Konservierungsmittel herzustellen und hatte das Rezept dankenswerterweise schriftlich überliefert. Diese Mixtur war es auch, in welcher sich sein verstorbener Vater hatte einbalsamieren lassen. Noch heute kratzte der kleine Chinese ein wenig Balsam von ihm ab, wenn er mit der Produktion nicht nachkam. Vom Gestank - des Balsams, nicht des Vaters - wurde ihm regelmäßig übel, wenn er die alten Verfallsdaten auf den Flaschen mit dem Hinweis »Kühl und trocken lagern« überklebte.

»Vielleicht werde ich es auch mal als Tee verkaufen«, dachte er weiter, hielt sich angeekelt die Hand vor den Mund und sagte leise sein Mantra auf. Über seinem Kopf durchschnitten die aus den Schneidezähnen des Drachen hergestellten Blätter eines alten, wackeligen Deckenventilators die stickige Luft.

Der kleine Chinese konnte es sich nicht erlauben zu schwächeln, jetzt, wo die kitschigen Glasglöckchen über der Tür hell klingelten und die ersten Touristen durch den lieblich-fremden Duft, der aus dem geheimnisvollen Laden hervorquoll, angezogen wurden. Ungeduldig schaute er auf den prächtig ausgeschmückten - wenngleich leicht eingestaubten - goldenen Drachenkopf, der von seinem Platz über der Eingangstür aus den Verkaufsraum mit einem Ausdruck zufriedenen Wohlwollens überblickte.
Er konnte sich gut vorstellen, wie verführerisch der echte Kopf der Kreatur in der Sonne geglänzt und seinem schuppigen Panzer einen goldenen Schimmer verliehen haben mußte. Sein Vater hatte ihm früher erzählt, daß es sich bei dem guten Stück über der Tür um die vergoldete Totenmaske des Drachen handelte.

Er hatte das alte Erbstück nie von dort oben heruntergeholt, da es nicht zum Verkauf stand. Es gehörte vielmehr genauso zum Inventar des Ladens wie der kleine Chinese selbst und schien - stetig alles und jeden observierend - über all die Dinge zu wachen. Seine Frau konnte den Kopf nicht ausstehen, befand aber immerhin, daß er besser zur Inneneinrichtung paßte als das klobige Elchgeweih aus dem Nachlaß ihres Vaters.

*

Nachdem jedoch seine Familie nun schon über fast drei Generationen hinweg den Drachenkadaver ausgeschlachtet hatte, neigten sich die Vorräte langsam aber sicher dem Ende zu, und es galt, möglichst bald für Nachschub zu sorgen. Der kleine Chinese hatte bereits seinen letzten Jahresurlaub darauf verwendet, neues »Drachenmaterial« aufzuspüren und zu erlegen. Dies war jedoch weitaus schwieriger als zunächst erwartet, da es sich bei Drachen offensichtlich um keinen nachwachsenden Rohstoff handelte.
So entschied er sich also, Kaimane, Chamäleons, Alligatoren und philippinische Riesenechsen als Drachensubstitute zu verwenden. Dieses Rohtiermaterial kam natürlich nicht ganz an das Original heran, verkaufte sich aber erstaunlich gut und war relativ leicht zu beschaffen. Nicht zuletzt auch, da sein Cousin zweiten Grades eine gutbezahlte Position beim Flughafenzoll innehatte und seine Kunden die Herkunft seiner Artikel sowieso nie erfuhren.

Seine Zielgruppe war die besondere Sorte Touristen, die sich selbst für »bessere Touristen« hielten: Die Träger hellbrauner Hanftextilien, die abwesend moosbedeckte irische Hochkreuze anstarrten, mit Eingeborenen aßen, örtliche Medikamente gegen Magenkrämpfe einnahmen und im schlimmsten Fall indischen Gurus in den kollektiven Selbstmord folgten.

Klischees, Klischees.

Diese Leute fanden seltsamerweise häufiger den Weg in diesen entlegenen Winkel Chinatowns, als man meinen mochte. Sie stöberten oft stundenlang durch die Auslagen des engen, unübersichtlichen Ladens, um sich dann endlich mit einem Päckchen Glückskeksen oder ein paar Räucherstäbchen an seine Kasse zu stellen. Letztere waren im übrigen aus dem Schwefelstaub, der sich unterhalb von Drachennasenlöchern ablagerte, hergestellt worden und in ihrer Wirkung stark genug, um eine Horde skandinavischer Pauschaltouristen in ein mehrwöchiges Koma zu versetzen.

*

»Dies' Zeug hilft einfach gegen alles«, sagte eine hagere Asketin im Sackkleid mit gedämpfter Stimme, während sie ihrer kränkelnd wirkenden Freundin eine Flasche Kieselerde unter die Nase hielt.

»Hat ein Stück weit etwas Mystisches«, pflichtete die andere Frau betroffen bei und wiegte ihren Kopf wie das Pendel eines Metronoms hin und her.
Ein blasser Lichtstrahl fiel in das Halbdunkel des Ladens und ließ die beiden Gestalten wie schlechtgeschminkte Schauspieler auf einer Theaterbühne wirken.

»Nimm mal einen Löffel davon, und dann sollst du mal sehen«, dozierte die blaßgesichtige Frau weiter und schob ihre spröden Finger durch die langen, schuppigen Haarsträhnen.

Beide standen jetzt vor einem besonders bemerkenswerten Stück der »Drachensammlung«: den Augen. In mühevoller Handarbeit hatte der Vater des kleinen Chinesen dereinst aus jenen Augäpfeln ein paar antik erscheinende chinesische Klangkugeln gebastelt - ein wahres Meisterwerk.
»Brauchen Hilfe?« fragte der kleine Chinese freundlich und legte den Brief mit der Gerichtsvorladung beiseite.

Er sollte morgen wieder einmal einem Schöffengericht erklären, daß der plötzliche Tod zweier Geschäftsleute in der Seitengasse neben seinem Laden weder mit seiner Kunst als Medizinmann noch mit seinen Kochkünsten zu tun hatte. So aber mußte er wieder einmal einen mehrstelligen Betrag aus der Kulanzkasse für die Beamten des Gesundheitsamtes zurücklegen und hoffen, diese Kosten beim anschließenden Kon-dolenzbesuch zu egalisieren, indem er den Angehörigen mit Gelatine gefestigten Gunpowder-Tee als Wundbalsam verkaufte.

Nicht immer endeten die Ereignisse so tragisch wie bei den beiden Ge-schäftsreisenden. Manchmal offenbarte die unheimliche Macht, die sich offensichtlich in seinem Laden versteckt hielt, sogar einen gewissen Sinn für so etwas wie Humor - einen ziemlich grotesken zwar, zuweilen jedoch durchaus amüsant.

Wie damals, als ein paar Jugendliche aus dem benachbarten Pu-ertorikanerviertel in seinem Laden randalieren wollten. Dabei warfen sie eine Flasche herunter, deren Inhalt er bisher für Bal-sam-ikessig hielt. Allen vieren fielen daraufhin die Haare aus, sie verloren ihre Fingernägel und krabbelten in wirren Kreisen pfeifend durch den Verkaufsraum. In seinem Hinterzimmer hörte es sich ein wenig nach »Lucy in the sky with diamonds« an.

Vielleicht hätte er die Substanz als Nagellackentferner oder als Flüs-sigepilator verkaufen sollen, erinnerte er sich und schaute zu seinem Drachenkopf hinauf. Er glaubte, einen Ausdruck gezügelten Amüsements in dessen Zügen zu entdecken. Der kleine Chinese schüttelte den Kopf - fast schon könnte man meinen, daß irgend etwas in seinem Laden ihn beschützen wollte.

Doch warum? Angestrengt versuchte er, einen klaren Gedanken zu fassen, was ihm recht schwer fiel, da er von Natur aus ein eher unkonzentrierter Typ war. Er hatte schon die merkwürdigsten Dinge hier erlebt. Um nicht irgendwann überzuschnappen, hatte er das Übernatürliche in seiner Umgebung als normal akzeptiert und fühlte sich nicht übermäßig gestört, wenn seine Umgebung wieder einmal verrückt zu spielen schien.

Von Zeit zu Zeit fand er sogar etwas Gefallen daran; oft war er regelrecht enttäuscht von seinem Zauber, wenn sich bei einigen Leuten, die neugierig seine Dosen und Töpfe öffneten, keine sichtbaren Wirkungen zeigten. Vielleicht dauerte es aber auch einfach nur eine Weile, bis das Ganze dann in deren eigenen vier Wänden seinen Zauber offenbarte.

*

Die beiden Frauen, die immer noch im Laden waren, beachteten den kleinen Chinesen nicht weiter, sondern schnüffelten fasziniert im-mer tiefer in den entlegensten Winkeln seines dunklen, un-über-sicht-lichen Ladens herum.

Die ältere von beiden stieg auf einen Stuhl, um sich den goldenen Dra-chenkopf, der jetzt nicht mehr zu lächeln schien, aus der Nähe zu betrachten.

Die andere hörte er angewidert etwas von »schlechter Bausub-stanz« und »mangelhafter Hygiene« murmeln.

Gleichzeitig beobachtete er mit starren Augen, wie sie mit ihren bleichen Köpfen einigen Spinnweben auswichen. Nicht, daß er sich die Modernisierung des Geschäfts nicht hätte leisten können, aber es gehörte sich seiner Meinung nach einfach nicht, seinen Reichtum öffentlich zur Schau zu stellen. Eine Philosophie, für die die mei-sten Menschen offensichtlich wenig Verständnis hatten: Oft gingen die Passanten naserümpfend an dem Haus vorbei - wenn sie es überhaupt beachteten.

Besonders früher, als er noch die unbrauchbaren Knor-pel-bröck-chen der Drachenknochen, die jahrelang seine Tiefkühltruhe blockiert hatten, für die Hunde der Nachbarschaft vor die Tür gelegt hatte. Diese Hunde - zusammen mit der heruntergekommenen Fas-sade - boten ihm gleichzeitig Schutz vor den allzu aufdringlichen Besuchen der heimischen Schutzgelderpresser, die neulich erst seinen Schwager (einen erfolgreichen Fischgroßhändler) in einen Brückenpfeiler der neuen Stadtautobahn einbetoniert hatten, trotz der beiden Leibwächter, die etwas tiefer unten im Fun-da-ment des-selben Pfeilers gefunden worden waren. Kurz zuvor hatte sein Schwa-ger noch ein Glücksamulett aus dem Elfenbein eines Dra-chen-zahnes bei ihm erworben.

Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn all seine Dra-chen-devotionalien, die ganzen Mixturen, Mittelchen und Fetische, in falsche Hände gerieten. Er selbst konnte ja nur ahnen, welche Kräfte sich in ihnen verbargen. Er wußte überhaupt nicht, was er da so zusammenbraute. Woher auch, weder war er Pharmazeut noch Magier - die Mixturen schienen sich von selber zu amal-ga-mie-ren. Niemand konnte sagen, welche Auswirkung sie auf die jeweiligen Personen, die seinen Laden betraten, haben würden.

Der kleine Chinese schaute wehmütig auf den Ventilator, der noch immer mit einem monotonen Summen seine trägen Kreise drehte, und dachte an all die Fragen, die er seinem Vater noch gerne gestellt hätte, bevor er den Laden von ihm geerbt hatte.

Doch leider war sein alter Herr ein eigensinniger Grübler gewesen, der sich nur selten bei der Arbeit zuschauen ließ, noch nicht einmal von seinem eigenem Sohn, und der den meisten Leuten ziemlich verschlossen, wenn nicht sogar feindselig gegenüberstand. Die Ursache für sein rätselhaftes, plötzliches Ableben konnte niemals restlos geklärt werden: Der tote Körper lag einfach nur re-gungs-los auf der Auslegeware mit einer Dose »Dragon-Balm« in der erstarrten Hand. Kurz zuvor hatte er noch versucht, verschiedene Fi-letstücke des Drachen für ein bevorstehendes Fa-mi-lien-fest zu tran-chieren.

Sollte er etwa gegen das oberste Gesetz der asiatischen Köche und Kleinhändler verstoßen und von seinen eigenen Rezepten gekostet haben? War es gar ein böser Geist? Oder ein Fluch, der auf seiner Familie lastete?

Der Totenschein seines Vaters war jedenfalls von einem dieser ge-langweilten, arroganten Jungärzte ohne größere Untersuchung auf »Herzattacke« ausgestellt worden - schließlich war er schon weit über achtzig gewesen.

*

Die dürre, blaßgesichtige Frau plünderte ihre Urlaubskasse, um jenes Wundermittel zu kaufen, das ihrer Tante Hedwig endlich Er-lösung von dem schweren Hüftleiden versprach, Walters eitrigen Aus-schlag austreiben und Mamas Krampfadern einen rubinroten Schimmer verleihen sollte. Ihrer Freundin gegenüber erklärte sie, daß das Mittel zudem eine weitere Verschlechterung ihrer schwä-ren-den, offenen Beine verhindern werde.

»Nach dem Öffnen schnell verbrauchen«, murmelte sie, noch bei Be-wußtsein, bevor sie unter dem funkelnden Blick des chinesischen Drachenkopfes die Dose öffnete und sich der strenge Geruch der Mixtur langsam einen Weg zu ihrer Nase bahnte ...


*

Ende


Fortsetzungsgeschichte

In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil.
Die Fortsetzung der Geschichte findet Ihr dann immer hier unter der hobbitpresse.de.
Die aktuelle Fortsetzungsgeschichte Oktober 2009:
1. Teil aus der TolkienTimes - Fortsetzung

Die früher veröffentlichten Geschichten: