13.7.2009 | Bericht über eine Lesung mit Patrick Rothfuss, dem Autor von »Der Name des Windes«, in Amsterdam

Rothfuss: Der Name des Windes. Die Königsmörder-Chronik. Erster Tag Patrick Rothfuss, Autor von »Der Name des Windes«, hat auf seiner letzten Lesereise zwar nicht in Deutschland Halt gemacht. Einen Bericht seiner Lesung in Amsterdam am 14. Mai haben wir dennoch erhalten. Rothfuss-Fan und Fantasy-Blogger Frank Dudley hat sich eigens in die holländische Metropole aufgemacht um den Autor zu treffen.

Durchs Eis brechen

»Nein, nein, das geht so nicht. Den Satz muss ich mir nochmal vornehmen, er rollt nicht so leicht heraus, wie er sollte.«

Patrick Rothfuss liest aus Der Name des WindesPatrick Rothfuss runzelt die Stirn, kritzelt etwas aufs Papier und schmunzelt das erwartungsvolle Publikum im Galeriesaal des American Book Center entschuldigend an:
»Sorry, ich hab diese Geschichte noch nicht vor Publikum laut gelesen. Außerdem fällt es mir leichter, meine College-Glossen oder Gedichte vorzulesen als mein Buch.«

Die Kurzgeschichte, über deren selbstverfassten Satzbau Patrick Rothfuss gestolpert ist, heißt »Der Junge, der den Mond liebte«, und sie wird demnächst in einer amerikanischen Fantasy-Anthologie veröffentlicht. Dass Patrick Rothfuss sie vorliest, haben seine Fans an diesem Nachmittag zu Beginn der Lesung entschieden: Er hat sie nämlich vor die Wahl gestellt, ob sie neben dem Auszug aus »Der Name des Windes« lieber diese Kurzgeschichte oder eine längere Glosse hören wollen.

Patrick Rothfuss liest aus Der Name des WindesAm Nachmittag, auf einer Parkbank sitzend mit den ersten Fans links und rechts von ihm, hatte er noch zu deren großer Freude davon gesprochen, vielleicht sogar ein Kapitel aus »The Wise Man s Fear« vorzulesen - als Überraschung, wenn die Zeit reicht. Sie reichte nicht. Patrick Rothfuss ging während der Lesung zur großen Freude des Publikums auf jede Frage ein, beantwortete auch die ungestellten, erzählte Anekdoten und plauderte selbstironisch über sein Schriftstellerleben. Das dauert eben.

»Ich bin ein großer Erzähler«, sagt Rothfuss ironisch-selbstbewusst und mit Blick auf seine Freundin Sarah, die sich unters Publikum gemischt hat. »Und ich bin dann wohl ein kleiner«, erwidert sie und spielt auf Patricks kräftige Statur an. Das Publikum lacht und Rothfuss legt grinsend nach: »Deshalb liebe ich Conventions so sehr, besonders die Panels. Den ganzen Tag reden, Fragen beantworten, über Fantasy sprechen ...«

Das ist dann auch das Stichwort für noch mehr Fragen an den Mann aus Wisconsin. Warum er Schriftsteller geworden sei? Weil er gut mit Sprache und Worten umgehen könne. Welche Fernsehserien er gerne sehe? Buffy und Battlestar Galactica. Welche anderen Autoren er gerne lese? Zurzeit Ken Scholes, Jim Butcher und Jay Lake. Ob es bald eine Website für die Bücher gebe? Ja, bei Penguin sei ein Wiki in Planung. Wo er denn am liebsten schreiben würde? Im nördlichen Wisconsin, im Ferienhaus seiner Eltern. Woher er seine Ideen nähme? Sie entwickelten sich aus seiner Neugier und Aufmerksamkeit für die Welt.

Patrick Rothfuss liest aus Der Name des WindesDas wollen die rund 100 Fans aber genau wissen, ein Beispiel seiner Neugier muss er ihnen nun beschreiben:
»Das nimmt manchmal wirklich seltsame Züge an. Als ich im letzten Winter, der im Norden Wisconsins eigentlich jetzt erst langsam zu Ende geht, in dem erwähnten Ferienhaus am Manuskript von »The Wise Man s Fear« arbeitete, stand ich eines Nachmittags vor einer gedanklichen Mauer und kam nicht durch. Also bin ich nach draußen in die Kälte und den Schnee gegangen, das sollte mir den Kopf freimachen.
In der Nähe des Hauses ist ein See. Als ich ihn dort zugefroren liegen sah, dachte ich: Ich bin noch nie ins Eis eingebrochen. Wie sich das anfühlen mag? Also habe ich es probiert.«
Rothfuss, ganz Körpermensch beim Erzählen, nutzt den schmalen Gang zwischen Lesepult und Publikum, um vorzuführen, wie er über die Eisfläche getappt ist:
»Seht ihr, so ungefähr habe ich es über eine halbe Stunde lang probiert, bis es endlich geklappt hat. Die Winter in Wisconsin sind sehr kalt und das Eis war sehr dick ... Naja, durch das Eis zu brechen, war bestimmt gut für meinen Charakter und so. Aber wie ich diese Erfahrung jetzt schriftstellerisch umsetze, weiß ich bis heute noch nicht.«

Das Gelächter legt sich und ein Fan, der eigens für diese Lesung aus Paris angereist ist, fragt Rothfuss, was er denn nach dem Abschluss der Königsmörder-Trilogie schreiben werde:
»Mir schwebt ein Urban-Fantasy-Roman vor, angesiedelt an einem College im amerikanischen mittleren Westen, mit viel Sex und schmutzigen Witzen ... Davon würde ich Millionen verkaufen!
Aber ernsthaft: Ich habe Pläne für weitere Geschichten, die in der Königsmörder-Welt spielen. Was ich auch gerne schreiben würde, ist eine Art Kinderbuch, das sich aber nicht für Kinder eignet. Etwa wie Coraline trifft Bilderbuch trifft Calvin & Hobbes , nur düsterer.«

Dann, nach fast zwei Stunden schließt Rothfuss seine Lesung - nein: Performance - mit ausholenden Gesten ab:
»Mein Englisch-Professor hat immer gesagt, Pat, einen Roman schreiben heißt Zweifel haben . Er weiß gar nicht, wie sehr das stimmt.«

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Die Lesung fand am 14. Mai 2009 in Amsterdam statt, und wurde von Frank Dudley beschrieben.
Frank Dudley, ehemaliger Chefredakteur von Phantastik-Couch.de, schreibt auf seinem Blog MemesisVirtualis.net regelmäßig über Themen aus Fantasy und Science Fiction.
Auf MemesisVirtualis.net finden sich auch Interviews mit Patrick Rothfuss: (Interview 1, Interview 2, Interview 3)
Fotos und Text: Frank Dudley
Informationen zu Der Name des Windes von Patrick Rothfuss

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