Ian R. MacLeod

Ian R. MacLeod wurde 1956 in der Nähe von Birmingham geboren. Nach dem Jurastudium arbeitete er einige Jahre im öffentlichen Dienst, widmete sich aber immer stärker dem Schreiben. Gleich seine ersten Erzählungen fanden bei Lesern wie Presse großen Anklang. Seine Geschichten sind eine höchst eigenwillige Mischung aus Fantasy, Science-fiction und Phantastik. Bereits zweimal wurde er mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Mit »Aether« legt er nun einen ebenso ambitionierten wie mitreißenden Fantasyroman vor.

Unter Langbiographie finden Sie ein Interview mit Ian MacLeod.


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INTERVIEW

Magie und welterschütternde Ereignisse
Ein Gespräch mit Ian R. MacLeod
Von Sara Schade

Nachdem er für seine Kurzgeschichten zweimal mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde, gelang Ian R. MacLeod mit seinem Roman The Light Ages in England und den USA der längst überfällige Durchbruch. Von der Redaktion von www.scifi.com wurde Aether - so der deutsche Titel - zum besten Fantasy-Roman des Jahres gekürt. Sara Schade sprach mit dem britischen Autor über dieses und das nächste Buch, über das Leben und das Schreiben.

Was erwartet die Leser, die Aether zur Hand nehmen?

Mein Ziel war es, einen »realistischen Fantasy-Roman« zu schreiben - ein Buch, das sich mit echten Problemen auseinander setzt, mit echten Personen und wahrscheinlichen Ereignissen in einer Welt, die trotzdem magisch und phantastisch ist. Ich wollte eine Welt erschaffen, die auf der einen Buchseite und auf der einen Straße der unseren ähnelt, sich aber um die Ecke, auf einer anderen Straße und einer anderen Seite, in etwas viel Schöneres, Seltsameres oder Beängstigenderes verwandelt.

Die Leser werden in Aether eine Welt vorfinden, bei der es sich erkennbar um England handelt, in der sich die Geschichte anders entwickelt hat. Um diese Wirkung zu erlangen, habe ich eine Substanz namens - eben - »Aether« erfunden, eine magische Substanz, die im Zeitalter der Vernunft im späten 16. Jahrhundert entdeckt wurde. Folglich ist die Industrielle Revolution grundlegend anders verlaufen. Der Hintergrund von Aether entspricht in groben Zügen dem viktorianischen England, aber es schimmern auch andere Zeiten und Epochen durch.

Es hat rund fünf Jahre gedauert, dieses Buch zu schreiben, eindeutig länger als ursprünglich geplant. Zwischendurch habe ich andere Dinge getan, aber das Schreiben ist für mich von vordringlichster Bedeutung. Im Nachhinein würde ich sagen, dass der lange Reifungsprozess und das Ausarbeiten dem Endprodukt nur zuträglich war, auch wenn ich während der Arbeit nicht immer dieser Meinung war.

Ich hatte von Anfang an eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was mir hinsichtlich der Protagonisten, der Handlung und des Schauplatzes vorschwebte, aber etwas in mir verlangte nach einem logischen Hintergrund und wirklich glaubwürdigen Protagonisten, und das war nicht ganz so einfach. Im Laufe der Zeit ist es mir - so glaube ich - gelungen, die Wirklichkeit des Buches so vielschichtig und nuanciert zu gestalten, wie es in der Fantasy nicht immer üblich ist. Für meinen Geschmack folgen viele Bücher viel zu offen dem genretypischen Muster, das Tolkien geschaffen hat.

Wie ist die Welt von Aether entstanden?

Ein Großteil meiner Geschichten wird von Ideen angetrieben. In diesem Fall war es die der Magie - wie sie wirklich werden könnte und wie sie diese unsere Welt verändern würde. In meiner optimistischen Jugend habe ich an Gespenster geglaubt und an viele andere Erscheinungen des Übernatürlichen. Ich habe Bücher von Autoren wie Colin Wilson verschlungen und mich für Leute wie Ouspensky und Gurdjieff interessiert. Inzwischen bin ich etwas älter und zynischer geworden, aber eigentlich sehne ich mich noch immer nach etwas, das über die reale Welt hinausgeht. Außerdem habe ich mich immer für den Aspekt der Quantentheorie interessiert, der eine Vielzahl nebeneinander existierender Welten postuliert, und dafür, dass die Naturgesetze in den Augenblicken nach dem Großen Knall Gestalt annahmen. Aus alledem entstand die Idee, dass es nahe bei unserer Welt eine andere gibt, in der Magie wirklich funktioniert, in der all die Anstrengungen der Alchemisten und Renaissance-Philosophen nicht vergeblich waren. Darin liegen die Anfänge von Aether - auch wenn das alles im Nachhinein weit strukturierter klingt, als es eigentlich war.

In manchen Passagen erinnert Aether an Große Erwartungen von Charles Dickens. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Hommage in Ihren Roman einzubauen?

Das ist eher zufällig passiert, und da dachte ich mir eben, warum nicht? Manchmal, vor allem am Anfang eines Textes, wird man in eine bestimmte Richtung geführt, die sich später als recht offensichtlich herausstellt, für die man sich jedoch nicht bewusst entschieden hat. Die Verbindung zu Große Erwartungen würde ich dieser Kategorie zurechnen, Dickens macht mir großen Spaß. Die Schilderungen von Roberts Kindheit stellen allerdings eine Hommage dar, die eher beabsichtigt war, und zwar an D. H. Lawrence; ähnliches gilt für die großen gesellschaftlichen Zusammenkünfte, die Henry James verpflichtet sind.

Oft hat man ein bestimmtes Ziel vor Augen, doch dann erweist sich der Weg dorthin als ausgesprochen schwierig, während die mehr zufällig beschrittenen Seitenpfade immer breiter und besser gepflastert werden. Mir macht das nichts aus. Jede Kunst bezieht fremde Einflüsse ein und spielt damit herum. Dickens hat das bestimmt auch getan.

Erzählen Sie uns ein wenig über Ihr Leben.

Nun, ich bin in Birmingham in den englischen »Midlands« aufgewachsen. Mein Vater ist Schotte, daher der Name. Meine universitäre Karriere war nicht unbedingt spektakulär, aber ich habe ein Jurastudium abgeschlossen und einige Jahre im Staatsdienst gearbeitet. Als unsere Tochter Emily zur Welt kam, bin ich als Schriftsteller und Hausmann bei ihr geblieben; meine Frau arbeitet als Anwältin.

Seither habe ich unter wechselnden Voraussetzungen Englisch unterrichtet, an Schulen, am College, an Universitäten. Zur Zeit bin ich an einem Projekt beteiligt, das Schulkinder und Schriftsteller zusammenbringt. Ich glaube, dass es für jeden Autor wichtig ist, rauszukommen und andere Dinge zu tun. Außerdem ist es sinnvoll, ein zweites Standbein zu haben, schließlich ist Schriftsteller ein äußerst unsicherer Berufsstand!

Wann haben Sie mit dem Schreiben angefangen und wer hat Sie dazu motiviert?

Ich habe mich im frühen Teenageralter in die Science Fiction verliebt und mich bald an eigenen Sachen versucht. Meine Lektürevorlieben sind breit gestreut, und da schien es mir fast natürlich, auch zu schreiben. Als ich sechzehn oder siebzehn war, schrieb ich an einem umfangreichen Alternativwelt-Roman über das Dritte Reich. Abgeschlossen habe ich ihn nie, aber was mich wirklich ernsthaft zum Schreiben veranlasst hat, war die Feststellung, wie langweilig und bedeutungslos mein Arbeitsleben andernfalls wäre. Meine Frau Gillian hat mich da immer sehr unterstützt.

Am Anfang habe ich mich hauptsächlich auf Romane konzentriert. Mit über dreißig habe ich dann zum ersten Mal einen Roman abgeschlossen. Natürlich wurde er nicht verlegt, aber immerhin hatte ich inzwischen Schreibmaschine schreiben gelernt; und ich wusste, wie man Texten einen gewissen Schliff gibt. Dann, nachdem einige andere Romane nicht so richtig in die Gänge kamen, habe ich mich der Kurzgeschichte zugewandt, und die wurden dann auch veröffentlicht.

Was ist an Ihren Erzählungen die Hauptsache - die Protagonisten, die exotischen Welten, die eigentliche Handlung?

Die Welten wahrscheinlich; ein Gefühl für Schauplätze, eine bestimmte Zeit und Atmosphäre. Figuren sind für gewöhnlich Antworten auf eine Reihe von Fragen, und sie definieren sich mehr darüber, wie sie auf Dinge reagieren und immer interessanter und lebendiger werden. Auch der Handlungsverlauf entwickelt sich als Antwort auf bestimmte Fragen, nicht zuletzt stellt man manchmal fest: Nun denn, das ist ja alles ganz nett, aber jetzt muss bald etwas passieren, sonst wird es langweilig.

Darüber hinaus glaube ich, dass mein Schreiben von Ideen und Fragen angetrieben wird. Nicht in dem Sinne, dass ich eine neue Art und Weise finde, überlichtschnellen Flug zu schildern oder eine wissenschaftliche Theorie oder eine neue technische Spielerei. Mein nächster Roman zum Beispiel, The House of Storms, der in derselben Welt spielt wie Aether, basiert auf einer Reihe von derartigen Überlegungen. Mir ist aufgefallen, dass ich bisher noch nie über einen grundlegend bösen Protagonisten geschrieben hatte, also habe ich mich daran versucht. Dann wollte ich dem Konflikt zwischen Fortschritt und Konservatismus in England Ausdruck verleihen - wie könnte ein moderner Bürgerkrieg bei uns aussehen? Und ich war von der Idee fasziniert, ein Haus zu beschreiben, das über eine lebendige Ausstrahlung verfügt und innerhalb der Handlung eine gewisse Rolle spielt. Und dergleichen mehr. Man dreht und wendet diese Ideen, probiert, ob sie passen, verwirft einige wieder. Ursprünglich war The House of Storms als Auseinandersetzung mit dem Tod gedacht, aber das funktionierte nicht.

Ich denke, dass man zu unterschiedlichen Zeiten in seinem Leben unterschiedlichen Obsessionen frönt. Kinder zum Beispiel. Oder Sex. Diese Dinge kommen innerhalb des erzählerischen Rahmens zum Tragen, an dem man gerade arbeitet, oder zumindest sollten sie das. Andernfalls wird man am Schreiben möglicherweise bald die Lust verlieren, die Geschichten werden leblos.

Ihre Erzählungen und Romane schließen Elemente der Fantasy, der Science Fiction und der Alternativhistorie ein. Machen Sie sich über solche Kategorien Gedanken?

Ich habe das Gefühl, dass viele der Probleme innerhalb des Genres einer übertriebenen Unterscheidung zwischen Dingen geschuldet sind, die einander eigentlich sehr ähnlich sind. Deshalb möchte ich diese Unterscheidungen nicht treffen. Für mich besteht die Grundlage von SF wie von Fantasy in einem Konflikt zwischen logischem Klassizismus und romantischen Gefühlen. Das trifft auf Drachen ebenso zu wie auf Raumschiffe, auf Gespenster wie auf Außerirdische.

Wenn man allerdings an die Öffentlichkeit tritt, wird man einer bestimmten Schublade zugeordnet, ob man will oder nicht. Ehrlich gesagt macht es mir nichts aus, für einen »Science-Fiction-Autor« (oder für einen »Fantasy-Autor«) gehalten zu werden, auch wenn mir einige der vorgefassten Meinungen missfallen, die damit verbunden sind, oder dass ansonsten intelligente Menschen mich deswegen nicht ernst nehmen. Ich verstehe mich auch als literarischer Schriftsteller, und ich habe nie nachvollziehen können, warum da ein Widerspruch bestehen sollte.

Allerdings gefällt mir auch die Bandbreite an neuen Einflüssen und Themen, die mir innerhalb der Science Fiction zur Verfügung stehen, und das versuche ich zu nutzen. Zugegebenermaßen gab es eine Zeit, in der mir die SF näher stand als das, was wir »Fantasy« nennen. Aufgrund ihres technologischen Rahmens setzt die SF etwas mehr Recherche voraus, damit die Ideen auf festem Boden stehen (selbst wenn sie erfunden sind). Andererseits - für Aether musste ich eine ganze Menge recherchieren, auch wenn der Roman eher Fantasy als SF ist, also bin ich von dergleichen Vorurteilen geheilt. Ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass ich mich innerhalb des Genres und seiner Vielfalt gut auskenne, aber ich setze mich lieber über Grenzen hinweg, als dass ich sie errichte.

Eine der Stärken Ihrer Romane und Erzählungen liegt in der Darstellung der Intimität und Krisenanfälligkeit zwischenmenschlicher Beziehungen. Woher kommt Ihr Gespür für dieses Thema?

Jede Art von guter Literatur setzt interessante und glaubwürdige zwischenmenschliche Beziehungen voraus. Das glaube ich jedenfalls. Ich weiß, dass innerhalb der Science Fiction seit Jahren eine Debatte über mangelhafte Charakterisierung geführt wird, aber für mich zeichnete sich gute SF schon immer durch überzeugende und glaubwürdige Protagonisten aus. Reine Ideen-SF - und davon hat es meines Erachtens nie wirklich viel gegeben - hat mich nie groß interessiert. Wenn man älter wird, neigt man glaube ich dazu, die Strahlenpistole an den Nagel zu hängen und sich mehr auf die Figuren zu konzentrieren als auf die sie umgebenden Gerätschaften.

Was muss man also tun, um den Protagonisten in einem Ideen-Roman Leben einzuhauchen?

Man muss sich vor allem immer wieder fragen: »Klingt das wahr, ist das glaubwürdig?« Schreiben gleicht in vieler Hinsicht der Schauspielkunst. Man muss sich in eine Figur hineinversetzen, sonst bleiben die Leser außen vor. Für mich ist emotionale Tiefe eine Grundvoraussetzung des Schreibens. Wir sind gefühlsbestimmte Wesen, und ein erzählender Text sollte unausgesprochenen Gedanken und heimlichen Hoffnungen Ausdruck verleihen - dem ganzen geistigen Ballast, den wir durch das Leben tragen. Komischerweise und trotz ihrer vielen Mängel und Schwächen in dieser Hinsicht sind die phantastischen Genres im weitesten Sinne fast das ideale Medium, all das auszuloten.

Für mich sind Sie auch ein ausgesprochen visueller Autor, der Bilder und Gefühle in geradezu greifbare Nähe rückt. Gibt es einen bewussten Prozess, der dem vorausgeht?

Ein Schriftsteller beschäftigt sich in erster Linie mit Dingen, die er selbst gerne sieht oder liest. An Büchern und Filmen, an Kunst allgemein beeindruckt mich die Atmosphäre; ein üppiger und lebendiger Sinn für Schauplätze. Filme beispielsweise gefallen mir dann besonders gut, wenn die Einstellungen gelungen sind, die Kamerafahrten.

Auch wenn ich in meinen Erzählungen nicht eben oft den viel zitierten »Sense of Wonder« heraufbeschwöre, spielen gut ausgearbeitete Schauplätze für mich eine große Rolle. Denken Sie doch nur einmal an all die Dinge, die wir tun, fühlen, sehen - die ganze Welt, in der wir leben! Dabei stolpern wir allzu oft wie betäubt durch eben dieses Leben, und ich glaube, dass jede Kunst ein Mittel ist, dagegen anzukämpfen. Wenn also eine Figur ein Zimmer betritt oder aus einem Raumschiff steigt, sind diese Schauplätze von grundlegender Bedeutung. Das möchte ich meinen Lesern vermitteln, weil ich es selbst erfahren möchte.

Machen Sie sich mit bestimmten Ideen oder Vorstellungen an die Arbeit, oder warten Sie, dass die Muse Sie küsst?

Im Laufe der Jahre habe ich meine Arbeit immer besser organisiert. Das Schreiben macht mir noch immer großen Spaß, und ich fühle mich unwohl, wenn ich gerade an nichts arbeite. Wenn ich morgens aufstehe und weiß, dass ich nicht zum Schreiben komme - weil ich gerade nicht weiterkomme, noch recherchieren muss oder mit etwas anderem beschäftigt bin - fehlt mir etwas. Ich brauche das Gefühl, mitten in einem Text zu stecken. Aus diesem Grund versuche ich, mir eine strukturiertere Herangehensweise anzugewöhnen, obwohl ich ein eher gefühlsbetonter Schriftsteller bin. Ich schreibe nicht mehr einfach drauflos und warte ab, was passiert - oder zumindest selten, und dann eher als bewusste Übung.

Was hat Sie beeinflusst - welche Bücher, was sonst?

Ich glaube, dass die wirklich grundlegenden Einflüsse sehr früh erfolgen. Natürlich muss ich Tolkien nennen; ich glaube nicht, dass irgendein anderes Buch mich so beeindruckt hat wie Der Herr der Ringe damals, als ich es gelesen habe. Innerhalb der Science Fiction kehre ich immer wieder zu Keith Roberts zurück, zu dem Robert Silverberg der mittleren Phase, zu Ray Bradbury, J. G. Ballard und Ursula K. Le Guin. Außerdem verbringe ich eine Menge Zeit mit Stephen King; er hat das Potenzial, wirklich groß zu sein, obwohl er (und das haben wir schon oft gehört) zu viel schreibt. Die letzten Bücher von Paul McAuley, Greg Egan und Kim Stanley Robinson haben mir gut gefallen. Aber ich neige eher zu älteren Sachen, wenn ich nach Vorbildern und Inspiration suche.

Von den großen so genannten »Mainstream«-Autoren begeistern mich Thomas Hardy und Proust, D. H. Lawrence, F. Scott Fitzgerald und Hemingway. Diese Schriftsteller nehme ich vermutlich am häufigsten zur Hand, und es fiele mir schwer, ohne sie zu leben. Von den lebenden Autoren würde ich John Updike hervorheben - er ist ein brillanter Stilist und geht immer wieder große Risiken ein. Unter den Lyrikern wäre wieder Hardy zu erwähnen, T. S. Eliot, Sylvia Plath und John Betjeman.

Darüber hinaus sind Musik und Film große Einflüsse - sie sind für mich ebenso wichtig wie Bücher, und ich kann von den späten klassischen Komponisten wie Mahler, Elgar und Strauss kaum genug bekommen. In der Rockmusik höre ich mit Begeisterung Steely Dan, Robert Fripp und King Crimson (in den vielgestaltigen Inkarnationen) und Songwriter wie Joni Mitchell, Tom Waits, Richard Thompson und Nanci Griffith. Mir gefallen modernere Sachen wie Air und Massive Attack - zum Teil wohl, weil sie musikalisch Neues bieten - und Jazzmusiker wie Keith Jarrett, Pat Metheny und Bill Evans. Songtexte und Gedichte beeinflussen mich in stilistischer Hinsicht nicht wenig. Oft fange ich einen Satz an, ohne zu wissen, wie er weitergeht, außer einem gewissen de dee de du de dum ...

Ein oder zwei Filme möchte ich noch erwähnen, bevor das hier zu einer Einkaufsliste verkommt. Nick Roegs Don't Look Now und Bad Timing. Sergio Leones Once Upon a Time in America. Tornatores Cinema Paradiso. Kubricks 2001. In letzter Zeit ein Film mit dem Titel Breaking the Waves von Lars von Trier. Sie haben mich alle sehr beeindruckt.

Wenn all diese Einflüsse etwas gemeinsam haben, dann die Bereitschaft, Risiken einzugehen und Grenzen infrage zu stellen. Don’t Look Now beispielsweise ist weit mehr als eine Gespenstergeschichte. Der Film ist sexy und traurig, und seine Atmosphäre ist einfach wundervoll, die Figuren gehen einem nahe, der Regisseur hat großartige Arbeit geleistet, bei den düsteren ebenso wie bei den farbenprächtigeren Passagen. Das ist hohe Kunst auf dem Fundament eines eigentlich trashigen Themas. Wer das sieht, ist gleichzeitig schockiert und tief bewegt - und/oder heil entsetzt. Als Schriftsteller könnte ich damit leben, eine ähnliche Wirkung zu erzielen.

Können wir von Ihnen weitere kürzere Arbeiten erwarten oder steht ein neuer Roman ins Haus?

Fast schäme ich mich, das zuzugeben, aber im Augenblick schreibe ich keine Kurzgeschichten. Dabei halte ich kürzere Texte für eines der, wenn nicht sogar für das entscheidende Element innerhalb des ganzen phantastischen Genres. Damit wären wir wieder bei der Feststellung, dass man eine Sache anstrebt und eine andere erreicht - ich wollte in erster Linie Romane schreiben und nicht als Kurzgeschichtenautor angesehen werden. Jetzt muss ich mich erst einmal von diesem Ruf befreien.

Bei mir läuft dergleichen immer phasenweise ab. In meinen Zwanzigern habe ich vor allem an meinem ersten Roman gearbeitet, der nie veröffentlicht wurde, aber ich habe dabei schreiben gelernt. Danach habe ich angefangen, Stories zu verkaufen. Meine Rückkehr zum Roman war ähnlich schwerfällig wie einen Öltanker zu wenden, auch wenn ich heute das Gefühl habe, ungefähr in die richtige Richtung unterwegs zu sein; obwohl ich natürlich älter und weiser geworden bin und die Felsen kenne, die bedrohlich aus dem Wasser ragen.

In der heutigen Verlagswelt ist das Verfassen von Romanen in weit größerem Maße kompromittiert als kürzere Arbeiten. Es existieren so viele lächerliche Vorstellungen über Genre und Verkäuflichkeit, über das, was dem Lesepublikum letztes Jahr gefallen hat, und all das ist unter einer dicken Schicht von Schund begraben. Das Schreiben an sich, zumindest wenn ich mir über den weiteren Handlungsverlauf leidlich im Klaren bin, macht mir bei längeren Texten mehr Spaß. Die Freiheiten sind größer, man hat das Gefühl, wirklich vorwärts zu kommen, während kürzere Sachen nur einen vorübergehenden Rausch auslösen.

Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich einen Folgeband zu Aether geschrieben. Er heißt The House of Storms und ist in England und den USA bereits erschienen. Er spielt in derselben Welt, aber ein Jahrhundert nach Aether, und dreht sich um Ende und Anfang eines weiteren Zeitalters. Mehrbändige Fantasy-Serien waren mir immer ein wenig suspekt, weil die Möglichkeit, über immer wieder andere Dinge zu schreiben, für mich zu den Stärken des Genres gehört. Allerdings ist Thomas Hardy einer meiner Lieblingsautoren, und er hat einen kleinen Teil von England umgetauft und in eine Region namens »Wessex« verwandelt, und vor diesem Hintergrund hat er die unterschiedlichsten Schicksale und Ereignisse geschildert. Als ich mir die Frage stellte, was ich als Nächstes schreiben sollte, habe ich mir den Luxus erlaubt, über die Welt nachzugrübeln, die ich erschaffen hatte, und sie in die Zukunft weiterzudenken. Zu meiner Überraschung hat es da ziemlich rasch gefunkt. Die Figuren sind völlig andere und auch die Schauplätze, aber ich glaube, die ganzen Anstrengungen, für Aether eine eigene Welt zu schaffen, haben mir geholfen, eine Basis für das zu finden, was ich sagen möchte.

Etwas konkreter geht es in The House of Storms um Ereignisse, die eines Sommers in und um ein wunderschönes Haus passieren, und um die Folgen, im Wesentlichen ein Bürgerkrieg zwischen West- und Ostengland. Das Buch ist immer noch sehr englisch, bezieht aber auch mehr den Rest der Welt ein. Ich bilde mir ein, dass es auf sehr intime Art und Weise von welterschütternden Ereignissen handelt - etwas, das ich auch in Aether beabsichtigt habe.

In englischer Sprache habe ich außerdem eine Reihe von Sammelbänden mit Kurzgeschichten und Novellen veröffentlicht, und in den USA ist von mir gerade ein Roman mit dem Titel The Summer Isles erschienen, in einer wirklich wunderschönen Sammlerausgabe. Der Roman, den ich als Nächstes abschließen möchte, ist ganz anders. Im Wesentlichen geht es um Tod, Gott und technologische Unsterblichkeit. Der Arbeitstitel lautet In Another Place, und die Hauptfigur ist eine Konzertviolinistin, die um die Jahrhundertwende geboren wurde und auf ihr Leben zurückblickt und sich darauf vorbereitet ... nun, an einen anderen Ort zu gehen. Wer sich für meine Sachen interessiert und leidlich Englisch lesen kann, sollte meine Internetseite besuchen: www.ianrmacleod.com. Ich freue mich immer über Meinungen und Vorschläge.

Haben Sie irgendwelche langfristigen Ziele?

Es wäre nett, weiter schreiben zu können und Verlage für meine Arbeiten zu finden. Alles darüber hinaus wäre reiner Egoismus, und wir alle wissen, dass Schriftsteller nicht im Entferntesten egoistisch sind.

Deutsch von Sara Schade

(c) 2005 by Sara Schade