Ricardo Pinto
Der Steinkreis des Chamäleons. Band 2. Die Ausgestoßenen
Leseprobe
VERSCHOLLEN
Vater, erinnert ihr Euch, daß ich Euch von einem Geliebten erzählte, mit dem ich zusammen war? Zu der Zeit glaubte ich, er sei ein getrennter Zwieling. Bei der Wahl erkannte ich, daß er Osidian Nephron ist. Es ist mir nicht leicht gefallen, ihm die Täuschung zu verzeihen. Könnt Ihr verstehen, daß wir noch einen letzten Tag miteinander verbringen wollen, bevor wir durch seine Apotheose für immer getrennt werden?
Uns zu suchen, wäre aussichtslos. Erwartet uns im Labyrinth am zweiunddreißigsten Tag des Tuta, spätestens am dreiunddreißigsten.
Euer Sohn Suth Karneol
(Brief Suth Karneols an seinen Vater, den Hausfürsten Suth Sarder, zur Zeit Er-der-vorangeht)
Gebieterisch blickten die Grabmalkolosse der Auserwählten über die Ebene der Throne hin, auf der die Lagerfeuer der hunderttausend Tributbringer ein flackerndes Lichtfeld bildeten. Hoch über den Kolossen, auf einem in die Felswand gehauenen Balkon stand der Regierende Fürst des Hauses Suth. Er drehte den Kopf mit der Maske so weit, daß die Ränder der Sehschlitze seine Augen gegen die sinkende Sonne abschirmten, und überblickte die Szene. Riesige, turmbewehrte Saurier, Drachen, wie die Barbaren in ihrer kindlichen Einfalt sie nannten, umgaben die scheinbar zahllose Menge. Zu mehr als einem Drittel bestand sie aus den Kindern, die von Stämmen außerhalb des Reichsgebiets als Fleischtribut beigebracht wurden; die übrigen waren entweder deren Verwandte oder Abordnungen, die aus den Städten gekommen waren, um ihre Steuern in gemünzter Bronze zu entrichten. Alle warteten seit Tagen auf die Zeremonie der Wiedergeburt, die stattfinden würde, wenn der Regen über den Krater von Osrakum hereinbrach. Diese Wiedergeburt würde auch die Apotheose eines neuen Gottkaisers mit sich bringen.
Suth trat ins Halbdunkel seiner Gemächer in der Felswand zurück, um ohne die Gefahr einer Befleckung durch die Sonne seine weißen, unbemalten Hände aus den Ärmeln hervorstrecken zu können. Unter einer Lampe entfaltete er ein Pergament und las noch einmal die auf die Rechtecke gezeichneten Glyphen. Die Konturen der Gesichter in den Glyphen stammten unverkennbar von der Hand seines Sohnes. Außerdem war der Brief mit Karneols Blutring versiegelt gewesen. Karneol versprach darin, am letzten Tag des Jahres zurückzukehren, aber dieser Tag war nun vorüber, und Karneol war nicht gekommen. Suth legte den Brief nieder, nahm die Maske ab und stellte sie darauf. Er rieb sich die Augen. Er streckte die Hände aus und beobachtete ihr Zittern. Um die Schwächung durch seine unverheilte Wunde zu überdecken, hatte er die Arznei nehmen müssen, die ihm die Weisen verabreichten; doch das Pulver verschaffte ihm nur eine fiebrige Art von Kraft. Die Sendlinge der Kaiserin Ykoriana hatten ihn verwundet, um zu verhindern, daß er rechtzeitig vor der Wahl nach Osrakum zurückkehrte. Törichterweise hatte er nach dem Wahlsieg das Spiel gewonnen geglaubt. Leise fluchend ließ er den Blick durch die Säulen bis in die schattigen Winkel der Halle schweifen. Hätte er Karneol nur näher ausgefragt, als er ihm das Zusammensein mit einem Geliebten gestanden hatte! Weder die unabweisbaren Geschäfte der heiligen Wahl noch die durch die Arznei bewirkte fahrige Geistesverfassung hätten ihn zu so gefährlicher Sorglosigkeit in bezug auf diesen Ausflug seines Sohnes verleiten dürfen. Drei Tage waren nun vergangen, seit Trön voller Angst den Brief herausgegeben hatte. Trön war zwar sein Sohn, wenn auch nur ein Marumaga-Halbblut, aber in seinem Zorn hätte Suth ihn dennoch zur Kreuzigung verurteilt, hätte er nicht gewußt, daß Karneol ihm dies nie verzeihen würde. Trön hatte nur getreulich Karneols Anordnung befolgt, den Brief erst am Abend des Tages, an dem er verschwunden war, zu überbringen.
Suth ließ sich auf einen Diwan fallen und barg den Kopf in den Händen. Daß Karneol ausgerechnet in einem so heiklen Augenblick verschwinden mußte, war schlimm genug; daß ihn der erwählte Gottkaiser dabei begleitete, war eine Katastrophe. Suth hatte sich noch nicht von der beklemmenden Vorahnung erholt, die ihm gekommen war, als er den Brief zum ersten Mal las. Mit fürchterlichen Drohungen hatte er aus Karneols Hausgesinde alles herausgepreßt, was die Leute über Karneols Streifzüge vor der Wahl wußten. Die Kleider, die er getragen hatte, die Dauer seines Fortbleibens -- alles sprach dafür, daß es etwas weitere Ausflüge gewesen sein mußten. Das einzig plausible Ziel, wenn man sich mit dem Hof auf dem Himmelspfeiler befand, war das Yden. Suth erinnerte sich an Gerüchte, daß es außer der Regenbogentreppe noch andere Wege gab, auf denen man dorthin absteigen konnte. An diesem Morgen, als er es nicht ertragen konnte, noch länger zu warten, hatte er es gewagt, einen Suchtrupp seiner Leibwächter in den Verwehrten Garten des Yden zu schicken. Aus Angst um seinen Sohn ging er das Risiko ein, die Großen auf die Situation aufmerksam zu machen. natürlich war der Trupp ohne Ergebnis aus den weiten Feuchtwiesen zurückgekehrt.
Die Zeit wurde knapp.
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