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Eine tragische Geschichte – Tolkiens Version des finnischen »Kullervo«

Als das finnische Nationalepos, das Kalevala, 1907 zum ersten Mal in englischer Sprache erschien, war John Ronald Reuel Tolkien gerade einmal 15 Jahre alt und ahnte nicht, welche Auswirkung dieses Werk auf sein eigenes Schaffen haben würde. Vier Jahre später hielt Tolkien den finnischen Mythenschatz zum ersten Mal in Händen. Das Kalevala schien ihn regelrecht zu elektrisieren und in ihm »platzte der Knoten«, Geschichten zu schreiben, wie er es viele Jahre später in einem Brief beschrieb.

Die Geschichte von Kullervo

Die Figur, die ihn dabei am meisten faszinierte, war ein von seinem Onkel in die Sklaverei verkaufter Waisenjunge, dessen schreckliches Schicksal ihn zu einem Rachefeldzug treibt – Kullervo. Über ihn wollte er schreiben und so begann Tolkien um das Jahr 1915 herum, seine eigene Version des glücklosen Kullervo aufzuschreiben. Er hat es nie fertiggestellt, aber es handelt sich dabei um seine erste längere Erzählung. Kullervo gilt zudem als Vorlage für Tolkiens Charakter Túrin Turambar aus dem Silmarillion und Die Kinder Húrins. Túrin ist die wohl dunkelste und tragischste aller Tolkien’schen Figuren. Wie auch Kullervo fristet er ein trübseliges Dasein, das von Zeile zu Zeile unglücklicher wird.

Klett-Cotta schreibt dazu:

Kullervo ist ein Waisenknabe mit übernatürlichen Kräften und einem tragischen Schicksal. Er wächst bei seinem Onkel, dem dunklen Magier Untamo, auf. Jener hatte seinen Vater umgebracht, seine Mutter entführt und Kullervo selbst, als er noch ein Junge war, dreimal zu töten versucht. Kullervo hat niemanden mehr außer seiner Zwillingsschwester Wanona, die ihn liebt, und dem schwarzen Hund Musti, der ihn mit seinen magischen Fähigkeiten beschützt. Als er in die Sklaverei verkauft wird, schwört er, dass er sich an seinem Onkel rächen wird. Doch muss er lernen, dass es vor dem grausamsten aller Schicksale kein Entkommen gibt.

 Nun erscheint diese außergewöhnliche Geschichte in der deutschen Übersetzung bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Im Englischen erschien das Werk im August 2015 bei HarperCollins. Ausnahmsweise stammt die Überarbeitung von Tolkiens Manuskript(en) zum Thema dieses Mal nicht von seinem Sohn Christopher, sondern von der renommierten Tolkien-Expertin Verlyn Flieger. Sie ergänzte Tolkiens Version des Kullervo um seinen Vortrag Über das Kalevala sowie um eigene Artikel und Kommentare.

Die deutsche Ausgabe hebt sich dabei gewissermaßen vom englischen Original ab: Sie erscheint zweisprachig, auf den linken Buchseiten ist der Originaltext abgedruckt, auf der rechten Seite die (hervorragende) deutsche Übersetzung von Joachim Kalka. Zudem reiht sie sich mit ihrer wunderschönen Umschlaggestaltung von Birgit Gitschier in die Reihe sammelwürdiger Tolkien-Bände wie König Arthurs Untergang oder Das Buch der verschollenen Geschichten ein.

Zum Aufbau des Buches

9783608960907

Diese Veröffentlichung enthält jedoch nicht nur Tolkiens Umsetzung des Kullervo in Englisch und Deutsch, sie ist auch darüber hinaus eine äußerst lesenswerte Lektüre. Bereits in der Einleitung geht Verlyn Flieger auf die lebenslange Faszination ein, die das finnische Kalevala auf Tolkien ausübte. Die Namensliste mit etlichen durchgestrichenen und verworfenen Ideen ist nicht nur amüsant zu lesen, es ist zudem auch sehr aufschlussreich, was die Entstehung der Niederschrift angeht. Ebenso wie die abgedruckten Handlungsentwürfe, die aus zusammenhanglosen Notizen Tolkiens zusammengetragen wurden und deutlich machen, wie er bei seiner Adaption des finnischen Stoffes vorgegangen ist.

Auch der Manuskriptentwurf zu Tolkiens Vortrag Über »Das Kalevala« oder Land der Helden, den er 1914 und 1915 hielt, ist enthalten und unterstreicht noch einmal seine Bewunderung für das finnische Nationalepos. Verlyn Fliegers Aufsätze zur Kalevala, zu Tolkien und der Bedeutung Kullervos für sein Werk zeichnen sich, wie von ihr gewohnt, durch höchste Qualität aus. Die Originaltexte wurden von ihr redigiert, aber größtenteils so belassen, wie sie waren. Flieger schreibt in der Einleitung: »Ich habe Tolkiens gelegentlich etwas verschrobenen Wortgebrauch und seine oft umständliche Syntax belassen und in einigen Fällen Interpunktionen hinzugefügt, wo es im Interesse des Verständnisses notwendig war.«

Einen besonderen Augenschmaus bieten die abgebildeten Manuskriptseiten in Tolkiens Handschrift, auf denen zahlreiche Änderungen und Korrekturen zu erkennen sind und die sonst nur in der Bodleian Library in Oxford zu bewundert werden können.

Mein Fazit: Es handelt sich beim Kullervo um eine äußerst lesenswerte Publikation, die sowohl eine spannende Geschichte erzählt, als auch Tolkiens Schaffen im Detail aufzeigt. Durch das umfassende Zusatzmaterial ist hier jeder bestens versorgt, der mehr über finnische Helden, Tolkien’sche Tragik und die Entstehung der Kinder Húrins erfahren möchte.

Annika Röttinger, Deutsche Tolkien Gesellschaft

Über Annika:

Annika schloss ihren Fachmaster in Geschichte mit einer Arbeit ab, die J.R.R. Tolkiens Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und deren Auswirkungen auf den Herrn der Ringe behandelt. Ihren Bachelor in Mediävistik beendete sie mit einer Arbeit, die die Ähnlichkeit von Tolkiens Rohirrim zu den Angelsachsen des Hochmittelalters untersucht. Bei der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. ist Annika die Beauftragte für Internationale Gäste.