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Heldinnen in der Fantasy-Literatur – Teil II

Frauen in der Fantasy

Stimmt es, dass in der High-Fantasy nur wenige Heldinnen vertreten sind? Eva Bergschneider von phantastisch-lesen.com wirft einen Blick auf verschiedene weibliche Protagonisten in der Fantasy-Welt.

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Frauen in der Urban-Fantasy

In der Urban-Fantasy und in den Young Adult Dystopien sind die Heldinnen zahlreicher vertreten als in der High-Fantasy. Neben Hermine Granger (»Harry Potter«-Reihe – Joanne K. Rowling) fallen dem Fan vielleicht Amy (»Passage-Trilogie« – Justin Cronin) und Katniss Everdeen (»Die Tribute von Panem« – Suzanne Collins) ein, wenn es um Helden der Urban Fantasy geht.  Doch nicht nur die moderne Urban-Fantasy Literatur traut den Frauen die Weltenrettung zu. Bereits 1973 hat Michael Ende mit »Momo« eine der klügsten und bezauberndsten Heldinnen geschaffen, die einen scheinbar übermächtigen Feind, die Zeitdiebe,  aufhält. »Momo« ist ebenfalls ein Buch, das in unserer  schnelllebigen Zeit Zeichen setzt, weil  heute jeder jederzeit erreichbar ist, die Zeit für ein persönliches Gespräch jedoch oft fehlt.  Und »Momo« beweist, dass auch Mädchen die Welt retten können.

 

U_12646_SB_MARA_FEUERBR.Q7:PPP»Mara und der Feuerbringer«  von Tommy Krappweis

In Tommy Krappweis Trilogie »Mara und der Feuerbringer« wird ein vierzehnjähriges Mädchen aus München zur Heldin wider Willen. Von der esoterischen Lebensphilosophie ihrer Mutter hält sie nichts und reagiert geschockt, als ein Zweig zu ihr spricht. Der erklärt ihr, dass sie eine Spákona ist, die vielleicht letzte der germanischen Seherinnen. Sie erhält den Auftrag, dem nordischen Gott Loki Einhalt zu gebieten und das Weltenende, die Ragnarök aufzuhalten.  Maras Neugier führt sie zu Professor Weissinger, der ihr (und auch dem Leser) das Wichtigste über die »Edda« beibringt. Mit Cleverness, Humor und Entschlossenheit nimmt Mara es mit mächtigen Göttern und Gestalten aus der nordischen Mythologie auf.

»Mara und der Feuerbringer« ist ein Jugendbuch, zu dem das abgegriffene Label »All Age« vielleicht besser passt, als zu vielen anderen Werken, die so bezeichnet werden. Tommy Krappweis bringt dem Leser die nordische Mythologie nahe und räumt zugleich mit dem Wagner’schen Bild auf, das in vielen Köpfen spukt. Dass er ein pubertierendes Mädchen zur Heldin auserkoren hat, schmälert die Glaubwürdigkeit des Plots kein bisschen, im Gegenteil. Mara bringt Unbefangenheit in das Thema nordische Mythologie und macht es dadurch zugänglicher. Zudem wirkt Mara als Antiheldin wohltuend erfrischend und bodenständig. Die meisten Leser und Leserinnen dürften sich in ihr, trotzdem sie sich zur Heldin einer phantastischen Geschichte entwickelt,  wiederkennen.

»Mara und der Feuerbringer«  – Tommy Krappweis, erschienen bei Egmont-Schneiderbuch, 2009

 

Die Silbernen»Die Silbernen«  von Tanya Huff

»Die Silbernen«  von der Amerikanerin Tanya Huff ist historisch angehauchte Steamfantasy. Die Geschichte ist in einer Welt angesiedelt, die dem des preußischen Kaiserreichs nachempfunden ist. Ausgangspunkt sind fünf Magierinnen, die von den Truppen des Kaisers gefangen werden, um als Versuchsobjekte zu dienen. Das Reich hat Magiern und Gestaltwandlern sämtliche Rechte entzogen und verfolgt sie als ‚Infamien‘. Die Hoffnung der Frauen auf Befreiung liegt in einer Prophezeiung begründet. Angeblich soll es eine sechste, weit mächtigere Magierin geben, die den Schergen des Kaisers bisher entkommen konnte.

Mirian Maylin hat bei der Magierprüfung lediglich die ersten Grade in einer nach den Elementen unterteilten Magie erreicht. Die kennzeichnenden Augenflecken sind ausgeblieben und so soll sie in das Rudel der Gestaltwandler eingeheiratet werden. Die kaiserlichen Truppen zwingen Mirians Familie zur Flucht, doch die junge Frau geht eigene Wege. Sie will den Rudelführer an der Front vor den Magierjägern warnen und gerät so in einen gefährlichen Wettlauf im Kampf zwischen der Wissenschaft und dem Übersinnlichen. »Die Silbernen«  stellt eine Vielzahl von Heldinnen vor, die jeweils ihre Stärken und Schwächen haben. Trotz übersinnlicher Fähigkeiten kommen sie dem Leser als glaubwürdige und liebenswerte Figuren sehr nah. Die Gefangenen finden kreative Wege, sich gegen die Willkür ihres Peinigers zur Wehr zu setzen. Mirian besticht zunächst durch Mut und Entschlossenheit, bevor sie Schritt für Schritt entdeckt, worin ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten liegen. Menschlichkeit und Empathie zeichnen sie aus und diese Charakterzüge sind ebenso wichtig für die Rettung der Fünf aus den Fängen des Kaisers, wie das erwachte magische Talent.

»Die Silbernen« – Tanya Huff, übersetzt von Lennart Janson und Jessica Becker, erschienen bei Feder & Schwert, 2015

 

Sind Heldinnen die besseren Helden?

Heldinnen in der Fantasy werden nicht als Kämpferinnen, sondern eher als kluge und sensible Akteure mit besonderen Begabungen dargestellt, die zu ihrem weiblichen Naturell passen. Heldinnen entziehen sich oft dem üblichen Fantasy-Klischee, sind seltener als ihre männlichen Pendants dazu prädestiniert, große Taten zu vollbringen. Es ist ihre Entwicklung die fasziniert, denn Frauen werfen die ihnen zugedachte Rolle als das schwache Geschlecht ab und emanzipieren sich. Es ist für Autoren und Autorinnen vielleicht sogar einfacher, außergewöhnliche Heldinnen zu erschaffen, als Helden. Denn wir sind auch als Leser und Leserinnen geprägt, dem Heldentum männliche Eigenschaften zuzuschreiben. Es wirkt überraschend und neu, wenn weibliche Attribute die Welt retten oder sie zu einem besseren Ort machen. Mut, Empathie und Besonnenheit, statt Kraft und Machtstreben, zeichnen Heldinnen aus, aber auch Hinterhältigkeit und Arglist. Gerade jene, deren Stärken nicht denen der Männer nachempfunden wurde, erzählen originelle Geschichten mit Charme, List und weiblichen Heldenmut. Es warten in den Weiten der Phantastischen Literatur bestimmt noch viele wunderbare Heldinnen darauf, entdeckt zu werden.

 

Vielen Dank, Eva Bergschneider, für den tollen zweiten Teil des Artikels!

Eva-BR

Eva Bergschneider schreibt auf phantastisch-lesen.com am liebsten über Fantasy, aber auch Krimis oder populärwissenschaftliche  und gesellschaftskritische Romane. Seit über zehn Jahren schon schreibt sie online über Bücher, unter anderem bei der Literatur-Couch GmbH, bei den Booknerds, bei Literatopia, dem Magazin PHANTAST und jetzt hier auch hier bei der Hobbit Presse.
www.phantastisch-lesen.com

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9 Kommentare zu “Heldinnen in der Fantasy-Literatur – Teil II

      • Kann ja mal passieren.
        Aber wo wir beim Thema Neil Gaiman sind und vorher auch Momo erwähnt wird: Da darf Coraline nicht fehlen! Die ist nun definitiv ein Mädchen, und lässt sich von gar nix unterkriegen! :-) Absolutes Heldinnenpotential und ein schaurig-schönes Buch (wobei die Verfilmung auch sehr liebevoll gemacht ist)

    • Shadow sollte mitnichten als Beispiel für eine HeldIN geleten. Der Satz war in dem Sinne gemeint, dass dem Urban-Fantasy Leser bei der Vorstellung von Helden (geschlechtsunspezifisch) sowohl Männer und Frauen einfallen. Neben Shadow und Harry Potter auch Amy und Katness. Aber scheinbar war der Satz etwas missverständlich fornmuliert. Liebe Grüße, Eva

  1. Hab jetzt den ersten Teil leider nicht gelesen und wenn ich hier jetzt den zweiten Teil lese fehlen mir ganz klar die Heldinnen von Marion Zimmer Bradley (nicht nur aus der Darcover-Serie) und ganz Vorne die Frauen von Trudi Canavan. ( Sonea, Rielle und Auraya)

Kommentieren an Raimund Mano Würpel Kommentar abbrechen

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