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Heldinnen in der Fantasy-Literatur – Teil I

Frauen in der Fantasy

Stimmt es, dass in der High-Fantasy nur wenige Heldinnen vertreten sind? Eva Bergschneider von phantastisch-lesen.com wirft einen Blick auf verschiedene weibliche Protagonisten in der Fantasy-Welt.

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Frauen in der High-Fantasy

Helden der High-Fantasy  –  da denkt man an Conan der Barbar (aus dem gleichnamigen Werk von Robert E. Howard), Frodo (Der Herr der Ringe – J.R.R. Tolkien), Kvothe (Die Königsmörder-Chronik – Patrick Rothfuss) und Tyrion Lannister (Das Lied von Eis und Feuer – George R. R. Martin). Offensichtlich sind die Helden der High- Fantasy überwiegend männlichen Geschlechts.

Doch schon in der Fantasy des frühen 20. Jahrhunderts gab es interessante Frauenfiguren, die zu Heldinnen wurden und in der modernen Fantasy steigt ihre Anzahl stetig an. Aus Comic und Film kennt man Xena und Wonder Women, Amazonen und Kämpferinnen für die gerechte Sache, die den Männern an Kraft und Kampfgeist ebenbürtig sind. Andere Protagonistinnen finden individuellere Wege, zu Heldinnen zu werden. Zum Beispiel über den Kampf für die Liebe, über einen tief verankerten Glauben, den Traum von Freiheit oder die Sehnsucht nach einer friedvolleren Welt. Sechs solcher Frauen und die Bücher, in denen sie ihre Heldinnenreisen erleben, stelle ich Ihnen in diesem Artikel vor. Einige der Titel sind nicht so bekannt, wie sie sein sollten, andere lohnt es sich wiederzuentdecken

»Herr der Ringe« von J.R.R. Tolkien strotzt nur so vor männlichem Heldentum. Die neun Gefährten, die aufbrechen um Saurons Ring zu zerstören sind alle Männer. Trotzdem gibt es mit Eowyn auch eine echte Heldin in »Der Herr der Ringe«. Sie ist eine Königstochter, die sich gegen den Befehl ihres Onkels stellt und mit dem Hobbit Merry in die Schlacht zieht. Gemeinsam stellen sie sich dem Hexenkönig von Angmar, der jene berühmten Worte äußert: »Kein lebender Mann kann mich hindern.«, bevor er vernichtet wird. Leser und Leserinnen des »Der Herr der Ringe« lieben Eowyn für ihren entschlossenen Mut. Doch sie ist nur die zweittapferste Frau, die der Fantasie  J.R.R. Tolkiens entsprungen ist. Denn die tapferste Frau in Tolkiens Werk ist eindeutig Lúthien, auch Tinúviel, die Nachtigall genannt. Sie ist der großen Liebe des Schriftstellers nachempfunden, seiner Ehefrau Edith.

 

J.R.R. Tolkien - Beren und Lúthien

»Beren und Lúthien« von J.R.R. Tolkien

Die Geschichte um J.R.R. Tolkiens »Beren und Lúthien« ist gerade von der Hobbit-Presse neu veröffentlicht worden. Sie ist bereits ein Kapitel des Buchs »Silmarillion« und des »Buchs der Verschollenen Geschichten«. Doch die neue Story-Sammlung stellt die Entwicklung dieser Geschichte vor und erzählt weitere Details zu den Protagonisten. Der Leser erfährt hier, welche unterschiedlichen Versionen dieser tragischen Liebesgeschichte J.R.R. Tolkien im Zeitraum 1917 bis in die 1930er Jahre hinein in Prosa und Versform verfasst und immer wieder verändert hat. In einem sind sich alle Versionen jedoch einig: Lúthien kämpft gleich mehrfach für ihren Geliebten Beren, den ihr Vater ablehnt. Beren nimmt die wahnwitzige Herausforderung an, den wertvollsten Edelstein, einen Silmaril aus der Krone des Melkos (auch Melkor oder Morgoth) zu stehlen. Wie es ausgeht soll hier nicht verraten werden, stattdessen das, was Lúthiens faszinierenden Charakter ausmacht. Lúthien ist keine Kämpferin. Vielmehr setzt sie eine Vielzahl von Talenten wie Zauberei und Redegewandtheit ein, um gegen das ultimative Böse zu bestehen.

»Beren und Lúthien« –  J.R.R. Tolkien (Herausgeber Christopher Tolkien)  – übersetzt von Hans-Ulrich Möhring und Helmut W. Pesch, erschienen bei  Hobbit Presse, 2017

 

Avalon

»Die Nebel von Avalon« von Marion Zimmer Bradley

1982 erschien ein Fantasy-Roman, der als revolutionär galt, weil er eine feministische Auslegung der Artus-Sage präsentierte: »Die Nebel von Avalon« von Marion Zimmer Bradley. Erzählt wird die Artus-Sage aus Sicht der Priesterinnen Avalons, die ihren Druiden-Glauben gegen die Übermacht des christlichen Glaubens verteidigen. Morgaine, die Halbschwester von König Artus, erzählt, wie ihre Mutter Igraine dem zukünftigen Großkönig Uther Pendragon als Ehefrau  vermittelt wurde. Merlin von Britannien und Vivian, die Herrin vom See, hatten geweissagt, dass ihr Sohn der britannische Großkönig werde, der sowohl Christen als auch Anhänger Avalons einen könne. Gwydyon, später Arthus, wird geboren und wächst abgeschieden auf, seine Halbschwester Morgaine  geht nach Avalon und wird zur Priesterin ausgebildet. Doch die Insel wird immer schwerer zugänglich, der alte Glaube verschwindet. Der Mut der Verzweiflung treibt Morgaine dazu, Avalon mit Mitteln zu retten, gegen die ihr Gewissen aufbegehrt.

Toleranz zwischen verschiedenen Religionen ist gerade in der heutigen Zeit ein aktuelles, brisantes Thema. So mag gerade dieser klassische historische Fantasy-Roman mit einer Heldin, die sich emanzipiert und um einen heidnischen Glauben kämpft, auch für die Fantasy-Fans der heutigen Generation eine spannende und erhellende Lektüre sein.

»Die Nebel von Avalon« –  Marion Zimmer Bradley, übersetzt von Manfred Ohl und Hans Satorius, erschienen bei  Fischer Taschenbuch, 1987

Die Frauen in »Beren und Lúthien« und »Die Nebel von Avalon« wurden von ihren Erschaffern bereits vor 100 und 35 Jahren ersonnen. Auch in der aktuellen High-Fantasy sind die Helden den Heldinnen immer noch in der Anzahl überlegen, doch letztere holen auf. Die Frauenfiguren, die ich Ihnen als nächstes vorstellen möchte, sind die Protagonistinnen aktueller Bücher, 2016 und 2017 erschienen.

 

Bottlinger - Der Fluch des Wüstenfeuers

»Der Fluch des Wüstenfeuers«  von A.S. Bottlinger

»Der Fluch des Wüstenfeuers« von A.S. Bottlinger erzählt eine orientalisch anmutende Geschichte, wie aus 1001 Nacht. Iaret ist eine Dame in Sechams Harem, dem allmächtigen Herrscher von Niat. Sie hat magische Kräfte, doch diese wurden schon in der Kindheit mit einem Siegel auf der Stirn gebannt. Iaret versucht, dass Siegel zu brechen und zu fliehen, scheitert jedoch und wird ins Gefängnis geworfen. Das halb gebrochene Siegel setzt sie einer tödlichen Gefahr aus. Iaret kämpft gegen die Zeit – sie muss das Siegel brechen oder sterben.

Iarets Stärken liegen, ähnlich wie bei Lúthien, in ihrer Klugheit und ihrer Entschlossenheit, das Unmögliche zu wagen. Die Kerkermauern kann sie nur mit Hilfe eines  Ungeheuers überwinden. A.S. Bottlinger beschreibt sehr anschaulich, worin Iarets größte Heldentat besteht, nämlich sich über die Fesseln ihrer Erziehung hinwegzusetzen. Stets bekam sie eingebläut, sich fügen zu müssen, keine Meinung haben zu dürfen. Die Stimme ihrer Mutter ist stets in ihrem Kopf und ein härterer Gegner, als brutale Rädelsführer und grausige Monster im Gefängnis.

»Der Fluch des Wüstenfeuers« funktioniert als Parabel zum Feminismus und zugleich als Mahnung, historische Daten im kollektiven Gedächtnis zu erhalten. In der Rahmenhandlung  erzählt Ahat, der gehasste Sohn Sechams, 75 Jahre nach den Ereignissen einer  Geschichtsschreiberin von Iarets Schicksal. Die Chronistin trägt freiwillig jenes Siegel, für dessen Beseitigung Iaret so  hart gekämpft hat.

»Der Fluch des Wüstenfeuers« –  A.S. Bottlinger, erschienen bei  Hobbit-Presse, 2016

 

Seelenspalter

»Seelenspalter«  von Ju Honisch

In »Seelenspalter«  von Ju Honisch lernen wir Maleni kennen, die eine zweite Seele in sich vereint. Sie wurde im Orden der Xyi zur Schemenjägerin ausgebildet und durchlief das Ritual der Seelenspaltung, bei dem ihr die zweite Persönlichkeit Taryah eingepflanzt wurde. Nun ist sie eine gefährliche Kämpferin, eine Giftmischerin und ein effektives Werkzeug, um die Geschicke der Acht Reiche im Sinne des Ordens zu lenken. Auch Maleni, als traumatisiertes Opfer vom Orden aufgenommen, wurde indoktriniert, ihr Tun nicht zu hinterfragen. Dagegen gehören Skrupellosigkeit und Gefühlskälte zu den Kernkompetenzen einer jeden Schemenjägerin.

Die Geschichte von »Seelenspalter«  erinnert auf den ersten Blick an Fantasy à la »Das Lied von Eis und Feuer« von George R. R. Martin. Den Hintergrund bildet ein unerbittlicher Dauerkrieg in den Acht Reichen. Opfer dieses Krieges sind vor allem die Frauen. Das Thema Kriegsvergewaltigung und Sex als Waffe der Schemenjägerinnen sind zentrale Aspekte dieser Geschichte. Bezüglich Gewalt kann es »Seelenspalter«  durchaus mit George R.R. Martins Werk aufnehmen, trotzdem hebt sich dieser Roman wohltuend von den »Game of Thrones« Nachahmern ab. Es fehlen Schlachtengetümmel und Intrigen im herkömmlichen Sinn. Das Geschehen konzentriert sich ganz auf Maleni und ihre unmittelbare Umgebung, der Fokus liegt auf ihren inneren Konflikten. Auch Maleni befreit sich von ihren anerzogenen Fesseln, stellt sich gegen die einzige Familie, die sie hat und ebnet so den Weg zu einer besseren, friedvolleren Welt.

»Seelenspalter«  –  Ju Honisch, erschienen bei Droemer Knaur, 2017

 

Vielen Dank, Eva Bergschneider, für den wunderbaren ersten Teil des Artikels!

Weiter geht es nächtse Woche mit Teil II – Frauen in der Urban Fantasy.

Eva-BR

Eva Bergschneider schreibt auf phantastisch-lesen.com am liebsten über Fantasy, aber auch Krimis oder populärwissenschaftliche  und gesellschaftskritische Romane. Seit über zehn Jahren schon schreibt sie online über Bücher, unter anderem bei der Literatur-Couch GmbH, bei den Booknerds, bei Literatopia, dem Magazin PHANTAST und jetzt hier auch hier bei der Hobbit Presse.
www.phantastisch-lesen.com

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7 Kommentare zu “Heldinnen in der Fantasy-Literatur – Teil I

  1. Eine kleine Ergänzung hätte ich hierzu. Irgendwie scheint die Meinung vorzuherrschen, dass Heldinnen ihren Platz allein in der High Fantasy haben, denn das ältere Sword and Sorcery Genre hat, vermutlich ob seines bekanntesten Vertreters Robert E. Howard und dessen Helden Conan, häufig das Label anhängen sexistisch zu sein (teilweise auch zu Recht).
    Bei einer Auflistung von Heldinnen in der Fantasy sollte aber keinesfalls „Jirel von Joiry“, geschaffen von C.L. Moore, fehlen. Catherine Lucile Moore ist selbst eine Heldin des Genres, denn zu einer Zeit in der Fantasy und Science Fiction fast ausschließlich von Männern verfasst wurde war sie eine der ersten Autorinnen, die allerdings (wie damals häufig der Fall) nur unter Pseudonym, bzw. nur unter ihren Initialen „C.L.“ veröffentlichte, um ihr Geschlecht zu verschleiern. C.L. Moore war sehr erfolgreich und schuf mit ihrem Helden Northwest Smith nicht nur die Vorlage für Han Solo (und ähnlicher wie Figuren, wie etwas Malcom Reynolds in der Joss Whedon Serie Firefly), sondern eben auch die oben erwähnte Jirel von Joiry – und das in den 1930er Jahren!

  2. Sehr schöner Artikel, gerade weil hier das Augenmerk eher auf femininen Frauen liegt und nicht auf Frauen, die Männer imitieren, sprich mit aller möglicher schwerer Hardware auf ihre Feinde eindreschen.

  3. Eine schöne Übersicht.

    „Die Nebel von Avalon“ habe ich noch in meiner Jugend gelesen, in einer Zeit, in der ich mir über Feminismus oder Religionskritik noch wenig Gedanken gemacht habe. Trotzdem habe ich das Buch verschlungen – und rückwirkend habe ich den Eindruck, dass es mich und mein Bild von der Fantastik sehr geprägt hat.

    Ansonsten wollte ich noch anmerken, dass die Dame Xena heißt und nicht Xenia. 😉 (ich weiß, Autoren neigen zur Spitzfindigkeit …)

  4. Auch wenn R.E. Howard vor allem für Conan bekannt ist, sollte man nicht vergessen, dass wir ihm auch Heldinnen wie die „schwarze Agnes“ von Castillon und die „rote Sonya“ (mit y!) zu verdanken haben. Vor allem Sonya ist in Howards Original-Geschichte viel interessanter, als das was die Comics später aus ihr gemacht haben.
    In den 80ern waren david Eddings Zauberin Polgara und Jennifer Robersons Schwertänzerin Del populär. In jüngerer Zeit fällt mir da Karigan aus Kristen Britains Reiter-Zyklus ein. Auch in der zugegeben Männer-zentrierten Sword & Sorcery gab es immer interessante Heldinnen.

  5. Guten Morgen, vielen lieben DANK für die vielen Kommentare und die weiteren Beispiele an Heldinnen in der High-Fantasy und Sword & Sorcery. Genau dazu sollte der Artikel anregen. Liebe Grüße, Eva

  6. Öhm
    Ganz oben Thyrion anzuführen und dann anzumerken, dass es den Anschein habe als gäbe es nicht genug weibliche Heldinnen im High Fantasy …
    Wo doch gerade die Reihe aus der der genannte Thyrion wntsprungen ist nur so von weiblichen Heldinnen und Leitfiguren wimmelt …
    Das nenn ich irgendwie schlechtes Beispiel ^^

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